„du bist nicht radikal genug!“

Überidentifikation, Solidarität und viele, viele Fragezeichen

img_0175.jpgimmer unter strom. darf ich auch mal sitzen?

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Politische Arbeit macht mich __________ .

müde/ einsam/ stark/ verrückt/ glücklich/ kaputt/

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Vor einigen Monaten war ich bei der Video-Performance Love Bomb von Terre  Thaemlitz. Terre Thaemlitz arbeitet übermäßig mit Wiederholungen. Wie ein Mantra werden Klänge, Bilder und Wörter – oft bis zu Stunden – wiederholt. Bis es nervt, bis es langweilig wird, bis es seine Bedeutung verliert, bis sich seine Bedeutung multipliziert. „F*ggot Bucket, F*ggot Bucket, F*ggot Bucket“; schwarze Menschen, die gelyncht werden, immer und immer wieder, ein weißer amerikanischer Soldat, der sich an einer vietnamesischen Frau im Dschungel vergnügt. Stöhnen. Ne Comicfigur fällt um, setzt sich zurück, fällt um, setzt sich zurück, fällt um. Schwarzes Flimmern. Peng!

Viele Menschen verließen den Raum kopfschüttelnd, waren empört, wollten ihr Geld zurück. Der Saal leerte sich, während ich gebannt auf die Leinwand starrte, nicht wissend, warum ich eine seltsame Befreiung in den brutalen Wiederholungen verspürte und dann packte es mich: Die Videoperformance simulierte meine eigene nahezu unendliche Erschöpfung, die ich empfand, wenn ich zum xten mal exotisiert werde, wenn ich mich in der Stadt bewege und eigentlich schon nervös auf den nächsten rassistischen Spruch warte, wenn ich zum xten Mal auf Ignoranz stoße oder Mikroaggressionen mir mal wieder den Tag vermiesen. Wenn ich auf einer empowernden Demo war und Seehofer am nächsten Tag dann doch wieder irgendeinen Scheiß dropt. Es wiederholt sich alles. Ich bin müde. Wo ist der Ausgang?!

Sonnenallee. Wir sitzen vor Azzam, ich erzähle dir von der Performance und stelle dir, halb im Scherz, halb frustriert genau diese Frage: wo ist der Ausgang?

Du lachst und sagst, es gäbe keinen. „Ignorante weiße Dudes sind überall man, denen kann man nicht aus dem Weg gehen.  Zum Beispiel der eine aus meinem Kurs, ja, ’n richtiger Vollidiot, der hat so null Berührungspunkte mit Rassismus und Unterdrückung und findet sich trotzdem richtig geil, wenn er die auswendiggelernten Termini in den Diskussionen raushaut. Zuhause hängt er dann wieder nur mit seinen weißen Freunden ab und unterhält sich über Fußball und shit. Dann gönnt er sich eine Scheibe teures Roggenbrot mit der selbstgemachten Marmelade seiner Mama.“

Ich nehm einen Schluck von meinem ein Euro Bier und werd eigentlich besonders vom letzten Satz getriggert… „Ja, ich kenn das total, wenn weiße Menschen mit solchen Begriffen um sich schmeißen, Anerkennung bekommen – vor allem von den Dozierenden – und als eloquent und woke gesehen werden, während wir…oder mir manchmal aus Wut einfach die Wörter im Hals stecken bleiben und am Ende nur pathetischer Mist rauskommt. Aber trotzdem hab ich nicht mehr so Bock auf dieses Feindbild „weißer Mann, weiße Menschen“, weil es uns überhaupt nicht weiterbringt. Identitätspolitik ist total wichtig und hat mir dabei geholfen erst mal klar zu kommen und mich zu empowern. Ich find aber.., es bringt uns nicht weiter, wenn wir auf dieser identitätpolitischen Ebene verharren. Es geht doch darum irgendwie gemeinsam eine bessere Gesellschaft aufzubauen, oder?“

Ich nehme einen Biss von meinem Halloumibrot und merke in der Dunkelheit nicht wie mir die Erdnusssoße meine Hose versaut. Mit einem verklärten Blick  kippst du dir den letzten Schluck Spätiwein runter und sagst: „diese Wut ist aber berechtigt, weiße Menschen sind halt krass ignorant und ich hab keine Lust mehr mit denen zu hängen.“ Ich konnte nachvollziehen, was du damit meinst, dachte an die endlos vielen Stories meiner Freund*innen und auch an meine eigenen. Trotzdem macht es mich irgendwie kaputt und müde mich von dieser Wut vereinnahmen zu lassen und mich auf grobe Verallgemeinerungen einzulassen.

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Ich sitz in der Ringbahn. Mein weißes Shirt klebt an meinem Körper und dann rufst du mich an. „Ey hier ist mal wieder was richtig bescheuertes passiert, ich brauch mal deine Perspektive dazu als poc….“ Irgendwie begann ich abzuschalten, musterte nur den blauen Himmel und dann meine Reflektion im Fenster bevor sich ein weißer Typ vor mich setzt. Er fängt an mich mit seinen Blicken  zu durchbohren und dann denk ich plötzlich: Gerad sah ich noch mich in meiner Reflektion und jetzt seh ich mich durch die Augen eines fremden Mannes und alles was er sieht und alles was von mir übrig bleibt ist genau das: ne Asiatin, ne Asiatin, ne Asiatin. Durchs Telefon redest du weiter, allmählich genervt, weil keine Antwort kommt: „…so, was würdest du denn jetzt als PoC dazu sagen? Ist richtig kacke oder?“ Genervt von dieser eingeschränkten Bezeichnung meiner Person antworte ich platt: „Ich weiß, wir kennen uns noch nicht so lange, aber ich bin mehr als eine PoC, wenn es dir noch nicht aufgefallen ist…“ Drei, vier Sekunden Stille. „Ich dachte dich würde sowas aufregen oder du würdest wenigstens Solidarität zeigen. Dachte echt ich hätte ne Mitstreiterin gefunden. Hab dich bisschen radikaler eingeschätzt…ist wohl nicht so. Ciao.“

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Erstgespräch beim Therapeuten. An der Türklinke hängt ein Kalender mit chinesischen Zeichen mit Landschaft in Wasserfarben. „Meinen sie nicht es liegt in Ihrer Natur, dass Sie ihre Gefühle nicht offen zeigen können, lieber nett lächeln und deswegen alles unterdrücken. Ich mein Ihre Kultur – Ah! Sie schauen auf den Kalender, können Sie das lesen?“ „Ist das Japanisch (frag ich halbironisch-)?“ „Kann sein…“ „Meine Eltern kommen aus Vietnam.“ „Ach ja…natürlich!“

Ach ja…natürlich! natürlich natürlich…!

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Politische Arbeit zu machen heißt nicht nur eine bestimmte Meinung zu vertreten und nach ihr zu handeln, sondern auch sich auf eine ständige Selbstverhandlung einzulassen. Wenn man immer die gleichen wutentbrannten Gespräche führt, nur in seiner sozialen und meist auch politischen Bubble abhängt, weil es dort am gemütlichsten ist und sich mit einer starren politischen Identität zufrieden gibt, wird der strategische Essentialismus einem doch zum Verhängnis und irgendwann dreht man sich im Kreis. Aber vorallem habe ich gemerkt, dass man die Komplexität seiner eigenen Person vergisst, die Tatsache, dass man selbst ein wandelnes Archiv ist (also unendlich viele Geschichten in sich trägt, die einen besonders machen) und man zwar bestimmte Erfahrungen mit anderen Leuten teilt, aber  dennoch total verschieden ist. Die zwischenmenschliche Beziehung auf gemeinsame, meist schlechte (rassistische) Erfahrungen zu reduzieren, empfinde ich als kontraproduktiv und nervig, weil man die selben Praktiken perpetuiert, denen man eigentlich entfliehen möchte: rigides Schubladendenken. Magst du mich, weil ich PoC bin oder weil ich ich bin? Wenn ich dich nicht mag, bin ich dann nicht solidarisch gegenüber meiner eigenen (PoC) Community? Communities?

Eine Gruppe zu finden, in der man sich wohlfühlt, ist empowernt und hilft sich überhaupt erst mal >menschlich< zu fühlen, wenn man in der weißen Mehrheitsgesellschaft nicht als menschlich gesehen wird, sondern einer ständigen Stereotypisierung, Dämonisierung, Kriminalisierung, Verniedlichung, Fetischisierung usw. unterliegt. Natürlich ist DAMN dafür da sich mit Leuten mit asiatischer Herkunft auszutauschen, die ähnliche rassistische Erfahrungen gemacht haben und vorallem den Drang haben was dagegen zu machen. DAMN ist aber auch dazu da, um zu sehen und zu zeigen wie unglaublich divers >Deutsche Asiat*innen< sind und Fremdzuschreibungen, die man mit „Asiatisch-sein“ verbindet und womöglich auch internalisiert hat, total unzulänglich sind. Und vorallem ist DAMN dazu da, um gemeinsam auf die Straße zu gehen und zu protestieren, uns und unsere issues in der Stadt wortwörtlich sichtbar zu machen — nicht nur im Internet.

Und außerdem: was heißt es heutzutage -radikal- zu sein?

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**UPDATE** Call for Submissions!

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VERLÄNGERUNG! CALL FOR SUBMISSIONS!!

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D.A.M.N. (Deutsche Asiat*innen, Make Noise) ist eine politische Plattform für asiatische Menschen in Deutschland. (Deutsch-)asiatische Perspektiven sind in der deutschen Gesellschaft immer noch unterrepräsentiert oder werden nicht ernst geniommen. Auch in feministischen und anti-rassistischen Mainstram-Diskursen werden asiatische Menschen oft nicht berücksichtigt. Was übrig bleibt sind eindimensionale, fremdgesteuerte und stereotypisierte Darstellungen von deutsch(asiatischen) Identitäten. D.A.M.N. versteht sich daher als Widerstandsbewegung gegen Unsichtbar- und Andersmachung, soziale Bevormundung und politische Instrumentalisierung von Menschen mit asiatischer Herkunft.

Wir wollen mit diesem ZINE asiatisch markierten Menschen/ Menschen, die sich mit dem Begriff >asiatisch< identifizieren und in Deutschland leben die Möglichkeit geben ihre diversen Lebensrealitäten und individuellen Erfahren in einem kreativen Kontext zu veröffentlichen und einen Raum schaffen, in denen (deutsch-)asiatische Identitäten immer neu verhandelt werden können.

Wir wollen politische asiatischdeutsche Stimmen in Deutschland stärken. Wir wollen uns gegenseitig empowern. Wir wollen uns solidarisieren. Wir wollen intervenieren und LAUT(ER) werden gegen Rassismus, Sexismus, Klassismus, Neokolonialismus und Faschismus.

…und das geht nur mit EUCH!

1. Thema: Identität
/asiatischdeutsche Identität?/ asiatische Identität?/ Identitätskrise?/ mehrere Identitäten?/ politische Identität? U name it – Definition offen!

2. Medium?
/gedichte/essay/ short stories/fiction/fotografie/doodles/ zeichnungen/ illustrationen/ (max. 4 Seiten)

3. Include
Name, gender pronouns, kontaktdaten

4. Deadline
31/07/2018
An: deutscheasiatenmakenoise@gmail.com ODER FB Message ODER BASTELTREFFEN korientation Sommerfest. Sonntag. Berlin. 08/07/2018: https://www.facebook.com/events/592648231115031/

WIR FREUEN UNS AUF EURE EINSENDUNGEN !

DAMN

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Gastbeitrag #2: Identitätskrise Haare

Inhaltshinweis –

In diesem Text geht es unter anderem um Belästigung auf der Straße und rassifizierende_sexualisierende Beschimpfungen. 

 

Als asiatisch und weiblich markierte Person [1] habe ich immer viele Komplimente für meine glatten langen dunklen Haare bekommen. Ich bin dahingehend privilegiert, dass meine Haare ihren Platz im Weltbild weißer Schönheitsideale haben, sodass mir nicht ungefragt in die Haare gefasst wird, wie es vielen Schwarzen Schwestern* und Brüdern* passiert. Dass meine Haare aber dennoch politisch sind und ich, je nachdem wie meine Haare aussehen, auf unterschiedliche Art und Weise rassifiziert_sexualisert [2] werde, ist mir erst aufgefallen als ich meine Haare abrasiert habe.

Als Queere Person of Color werde ich seit meiner Geburt jeden einzelnen Tag in einer weißen-patriarchalen-cis-hetero Dominanzgesellschaft fremd-definiert. Ich habe diesen Blick der Dominanzgesellschaft, von der ich marginalisiert und zur Anderen gemacht werde, inzwischen so sehr internalisiert, dass ich mir mittlerweile zu jedem Zeitpunkt darüber bewusst bin wie ich aus dieser Dominanzposition in kolonialrassistische Kategorien gesteckt werde. Wie mein Körper von Blicken vereinnahmt wird, die mich exotisieren und fetischisieren. Eigentlich möchte ich nicht, dass meine Diskriminierungserfahrungen so sehr im Zentrum meiner Identität stehen. Ich möchte mich nicht immer nur in Relation zu meinem Unterdrücker sehen. Stattdessen möchte ich den Raum haben mir Gedanken über mich selbst zu machen, herauszufinden wer ich bin, unabhängig von Vorurteilen und Zuschreibungen in denen ich mich nicht wieder finde. Aber gleichzeitig weiß ich nicht, wo ich diesen Raum finden soll, in dem ich frei von diesen Strukturen sein kann.

Mir die Haare abzurasieren war ein Herantasten und Ausprobieren von Strategien mich von den Vorstellungen einer weißen-patriarchalen-cis-hetero Gesellschaft zu befreien. Meine millimeterkurzen Haare haben massiv Irritationen hervorgerufen, insbesondere bei denjenigen weißen cis-Männern in meinem Umfeld, die mich vorher in ihre Schublade asiatischer Klischees, exotischer orientalistischer Phantasien und demütiger asiatischer Frauen mit seidigen glatten langen dunklen Haaren gesteckt haben. Wo ich vorher rassifiziert_sexualisiert wurde, wurde ich nun gehasst. Männer haben mir direkt ins Gesicht gesagt, dass sie denken, dass ich mit abrasierten Haaren scheiße aussehe und dass ich sie wieder rauswachsen lassen soll. Sobald ich nicht mehr in ihr Schema eines Objekts sexuellen Begehrens gepasst habe, war ich menschlichen Respekts anscheinend nicht mehr würdig. Ich wurde noch nie so schlimm wie zu dieser Zeit auf der Straße von Männern beschimpft und mit Vergewaltigungs-„Witzen“ bedacht. Zu dem üblichen „Ni hao“ oder „Ey Sushi-Muschi, komm mal rüber“, das mir cis-Männer auf der Straße hinterherrufen sind nun Sprüche dazu gekommen wie „Ladyboy, was kostest du?“ und „Ich setz dir ne Perücke auf und dann siehst du gar nicht mehr so hässlich aus für ne Asia Hure“. Als Gegenpol dazu haben mir so viele Frauen* wie noch nie Komplimente gemacht, mir gesagt, wie schön, sie meine abrasierten Haare finden und dass sie selbst das eigentlich so gerne mal machen würden, aber sich niemals trauen würden. Kein Wunder, wenn mensch bedenkt, welche Konsequenzen und Einschränkung in der Bewegungsfreiheit abrasierte Haare haben können. …Und dann gab es auch noch die Personen, die geglaubt haben, dass ich Buddhistin sei – klar, eine asiatisch markierte Person mit abrasierten Haaren kann nichts anderes als Buddhistin sein – und haben mich ununterbrochen über Buddhismus und Spiritualität ausgefragt. Da hilft auch zehnmal sagen, dass ich keine Buddhistin bin nichts mehr. Das Schubladendenken ist zu festgefahren.

Auch wenn ich meine stoppelkurzen Haare sehr gerne mochte, war es mir irgendwann zu viel, sodass ich sie wieder rauswachsen lassen habe. Nach einer sehr langen Zeit mit furchtbaren Frisuren und seltsamen Zwischenlängen habe ich meine Haare blond gefärbt. Anlass für all diejenigen, die sich bei den abrasierten Haaren zurückgehalten haben, nun doch noch ihren Senf dazu zu geben. Der allgemeine Konsens war, dass Asiat*innen mit blonden Haaren seltsam sind und dass das etwas zum Lachen ist. Sogar mein Uni Prof meinte in der Position zu sein, mir zu sagen, dass Asiatinnen keine blonden Haare stehen und warum ich das alles denn überhaupt gemacht hätte mit dem Abschneiden und dem Färben. Bei der Arbeit waren meine Haare ständig Thema und sogar irgendwelche random Behördenmitarbeiter meinten mir zur Begrüßung sagen zu müssen, dass ihnen meine Haare nicht gefallen und dass ich mit solchen Haare ja niemals einen Job finden werde, da Asiatinnen mit blonden Haaren einfach nicht professionell aussehen würden.

Viele Monate und viele bunte Haarfarben später saß ich nun bei meiner Friseurin, die mich fragte, was ich denn plane in Zukunft mit meinen Haaren zu machen. Eine einfache Frage und trotzdem so schwer zu beantworten. In dem Moment hatte ich das Gefühl, dass meine ganze Identität von der Entscheidung abhängt, was ich mit meinen Haaren mache. In diese Entscheidung spielt so viel mit rein. Es geht nicht einfach nur darum, was ich gerade schön finde und worauf ich Lust habe, sondern auch darum wie viel ich belästigt werde, wieviel Energie ich habe, wieviel ich aushalten kann und welche Haarfarbe und welcher Haarschnitt wieviel Rassifizierung_Sexualisierung mit sich bringt.

Ich mag meine Naturhaarfarbe eigentlich gerne und möchte mein Aussehen so wie es ist wertschätzen, mehr lieben lernen und internalisierte Abneigung gegen meine eigene Herkunft ablegen. Gleichzeitig habe ich aber auch keine Lust in dieses kolonialrassistische Klischeebild unterwürfiger exotischer Asiatinnen zu passen, das von weißen cis-Männern auf mich projiziert wird, sobald ich wieder dunkle (und längere) Haare habe. Ist es nicht der richtige Weg von jahrelanger Sozialisierung als Frau wegzukommen, indem ich nicht mehr versuche weißen cis-Männern zu gefallen sondern von ihnen scheiße gefunden zu werden? Aber richte ich meine Handlungen, mein Aussehen, meine Person dann nicht doch wieder danach, was irgendwelche cis-Männer von mir denken? Wenn ich gefärbte Haare habe werde ich weniger wie eine neu-immigrierte Migrantin behandelt und genieße dadurch manchmal Privilegien, die ich mit dunklen Haaren nicht habe. Aber passe ich mich dann mit blonden Haaren nicht einer weißen Mehrheitsgesellschaft an? Whitewashe ich mich damit selber? Verleugne ich meine Herkunft?

Ich möchte, dass es mir egal ist, was andere Leute von mir denken, aber gleichzeitig kann ich auch nicht ignorieren, wie Rassifzierung_Sexualisierung mir weh tut, jeden einzelnen Tag. Was Leute von mir denken und wie sie mich Kategorisieren hat einen sehr realen Einfluss darauf wie mit mir umgegangen wird, was für Jobs ich bekomme, wo ich wohnen kann, wie ich von Ärzt*innen behandelt werde und ob ich verbal und/oder körperlich Angegriffen werde. Wie kann ich also diesen Raum für mich selbst finden, wo ich rausfinden kann wer ich bin, was mir gut tut und was ich für mich möchte, wenn dieses System der Unterdrückung so allgegenwärtig ist?

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1 asiatisch markiert weist darauf hin, dass hinter dem geographischen Asien multiple Communities, Kulturen, Identitäten und Länder stecken, aber, dass in Deutschland die Vorstellung von Asien meistens auf Ost- und Südostasien beschränkt ist. Wenn Menschen in Deutschland als „asiatisch“ fremdbestimmt werden, sind damit tendenziell nur Menschen mit Ost- und Südostasiatischem Hintergrund gemeint, während andere Communities, Länder, Kulturen und Identitäten marignalisiert werden und die Identifizierung als „asiatisch“ abgesprochen wird. Ebenso bedeutet weiblich markiert eine Fremdbestimmung in Bezug auf Gender. Personen, die sich nicht unbedingt als weiblich identifizieren, aber von der Dominanzgesellschaft so eingeordnet und misgendert werden, werden von dieser als weiblich markiert.

2 rassifiziert_sexualisiert bedeutet, dass Menschen aus einer Dominanzposition heraus, in bestimmte Kategorien von ‚Race‘, Gender und Sexualität eingeordnet werden. Der Fokus liegt hierbei nicht auf selbstbestimmte Identitäten, sondern den Prozess der gewaltvollen Kategorisierung. Rassifizierung_sexualisierung wird hier mit einem Unterstrich verbunden um die Verflechtung beider Begriffe intersektional aufzugreifen.


Über die Autorin*

Sina* identifiziert sich als Queere Person of Color, als Asiatische-Deutsche. Sie beschäftigt sich mit den Themenfeldern (Post)Kolonialismus, Anti-Rassismus, Queer-Feminismus, Mental Health und Empowerment.


Weiterführende Leseempfehlung:

Colored Streaks on Asian Women: The Damaging Trope

Aufruf: Stop Racial Fetishism – Block auf der Frauen*kampftagsdemo

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Racial fetishism is where female fetishism,
capitalistic ideologies and
racism meet.

At this year‘s International Women‘s* March we want to speak up against the fetishisation of Black women and Women* of Color.

Black women* and women* of color (BW*oC) are highly underrepresented in German mainstream media. When we do see them on screen, they are usually hypersexualised, portrayed in stereotypical ways or commodified for marketing purposes (see: tokenism). This perpetuates and reproduces stereotyping and discrimination that we encounter on a daily basis.

Racial fetishism encourages the Othering, hypersexualisation and instrumentalisation of our bodies. This includes but is NOT limited to strong racial preferences in dating, for instance the so-called „Asian Fetish“.

Commodification of race occurs when the bodies of BW*oC and their „cultural practices“ are put up as products that ought to sell a certain exotic experience.

Our ethnicity is NOT something to fetishise and commodify! Stop Racial Fetishism!

Let‘s join forces and fight against racism, anti-feminist ideologies and capitalist structures!

The Future is Ours!

https://www.facebook.com/events/156101108534547/

Das Milieu der Toten: Ein Kommentar

Vereinnahmung der Arbeit von schwarzen Menschen. Kommentar zur anschließenden Diskussion bei der Veranstaltung „Milieu der Toten. Teil 2: Leerstellen. Das Nachleben der Sklaverei und die Lücken der Archive.“

Link zum Programm: http://www.humboldtforum.com/de-DE/veranstaltungen/milieu-der-toten-teil-2-2/. Das Video wurde leider runtergenommen.

Anliegen war Folgendes (Ausschnitte aus meiner Rage-E-Mail):

Als ich gestern kurz eingeschaltet habe, fand ich die Aufmachung auch total „awkward“ und auch heute war ich erstaunt, dass weder Christina Sharpe noch Saidiya Hartman an der finalen Poduiumsdiskussion teilgenommen haben, sondern die Runde nur aus weißen KuratorInnen bestand.

Aus dem Publikum kam dann zurecht die Frage, warum Sharpe und Hartman überhaupt eingeladen wurden, wenn deren Werke eigentlich nur die Atmosphäre für den Diskurs über lückenhafte Archive und Kuration schaffen sollte. Dabei wurden die KuratorInnen eingeladen, um die Arbeit von Sharpe und Hartman zu kommentieren… Es wurde kritisiert, dass das Thema Museum und Kuration wenig mit dem (physischen) Leiden der versklavten Menschen zu tun hatte und die Arbeit von Sharpe und Hartman nur „konsumiert“ wurde. Deswegen konnte kein Diskurs auf Augenhöhe stattfinden. Das Leiden wurde auf die „Technologie der Kuration“ reduziert. Das eigentliche Problem sei jedoch das ‚Museum‘ als Instituion in Europa und ihre Strukturen. Goitseone Montsho fragt anschließend: Wann können weiße Menschen endlich introspektiv über Kolonialherrschaft in der deutschen/ westlichen Geschichte reden, ohne die Arbeit schwarzer Menschen zu vereinnahmen?

Auch Hartmann fand, dass sie wenig im Diskurs involviert war und lediglich als Argumentationspunkt für dieses Projekt eingeflogen wurde. Die Veranstalterin stimmte sogar indirekt zu, dass dieses Konzept sehr problematisch ist. Sie fand die Arbeit von Sharpe „einfach so fazinierend“ und wollte mit dieser Veranstaltung dieses Werk mit ihren KollegInnen teilen (?). Eine weitere weiße Frau im Publikum war dann wirklich der Höhepunkt dieser Diskussion… Ihr war unklar, warum denn so viele empört und überrascht seien. Das Thema Museen und Archive wurde doch in der EInladung und im Programm deutlich genannt. Sie verstehe die Empörung nicht und man solle es doch zu schätzen wissen, dass dieses Thema behandelt wird (wenn ich das so richtig verstanden habe. Jemand prustete danach nämlich direkt vor Ungläubigkeit los.) Am Ende gab es einen kurzen Beitrag zu Afropolitanismus und die dennoch bestehende Frage des (Nicht)Dazugehörens aus dem Publikum. Denn auch heutzutage sind schwarze Menschen an vielen Orten dieser Welt nicht willkommen, obwohl die afrikanische Diaspora weit verstreut ist.

Die KuratorInnen haben sich von dem Humboldt Forum distanziert. Clémentine Deliss wurde dann auch deutlich und meinte, dass das Humboldt Forum ein nationalistisches Projekt sei. Auch Friedrich von Bose hatte schon am Anfang der Podiumsdiskussion angemerkt, dass eigentlich Sharpe und Hartman im Mittelpunkt stehen sollten. Die Moderation war einfach total daneben. Ich begreife einfach nicht, wie ein hochfinanziertes Kultur-Projekt so wenig Tiefe und Selbstreflektion haben kann. Vorallem wenn der Slogan ist: „Wer die Welt verstehen will, geht ins Humboldt Forum.“

Kommentar

Mindestens zwei Probleme kann ich aus dieser Diskussion herausfiltern. Erstens wird „post“koloniales Denken nicht in die Praxis umgesetzt, sondern beschränkt sich wie so oft in der Theorie. Zweitens, die Gegenwart wird als „post“kolonial Gesehen, ein Abschnitt, in der Kolonialgeschichte Geschichte ist und mit einer gewissen Distanz behandelt werden kann. Aber das Leiden ist auch heute real.

Christina Sharpe schreibt in „In the Wake: On Blackness and Being“, dass es sich hierbei um ein „Verstrickung“ von Kolonialgeschichte und der gegenwärtigen Lebensrealität schwarzer Menschen (in der Diaspora) handelt. Postkoloniales Denken wird hier nicht in die Praxis umgesetzt, weil die Arbeit von Hartman und Sharpe als Argumentationsstütze für das Projekt „post-ethnologisches Museum“ benutzt wird, ohne auf die deutsche Kolonialgeschichte einzugehen. Stattdessen werden die Einzelheiten, die „Technologie“ der Kuration diskutiert. Problem ist aber, die Institution selbst und dessen Geschichte in Europa. So wurde die Arbeit (der Flug von Amerika nach Berlin, das Vorlesen des Buches, das Schreiben des Buches selbst) von Sharpe und Hartman für die eigene Argumentation vereinnahmt. Sharpe argumentiert, dass die Kolonialgeschichte und das Leiden der versklavten Menschen atemporal ist. Tatsächlich trägt das Humboldt Forum nur wenig zu einer kritischen Auseinandersetzung bei, sondern begrenzt sich auf einen ‚fröhlichen Multikulturalismus‘. Die jungle world schreibt:

In diesem mit nationalen und kolonialen Symbolen aufgeladenen Bau soll ein »einzigartiges Zentrum«, ein »Treffpunkt von Menschen aus aller Welt – unabhängig von Herkunft, Alter, Ausbildung, Interessen, Vorwissen oder Vorlieben« entstehen. Das Humboldt-Forum trage dazu bei, ein »aktuelles Verständnis unserer globalisierten Welt zu vermitteln«, und stehe für »ein respektvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben der Kulturen und Nationen«

(Quelle: https://jungle.world/artikel/2017/02/ein-museum-erklaert-die-welt)

Die Vereinnahmung von schwarzen Theorien, Introspektiven, Kulturen ist keine Seltenheit.  Die lange Geschichte (dennoch immer noch gegenwärtige Realität des) „Black Struggles“ und die lang umkämpfte Bewegung schwarzer Menschen gilt heute als Aushängeschild einer „gelungenden Emanzipation“. So findet man z.B. auf der SDS Jubiläumsparty (sozialistisch-demoratischer Studierendenverband) auf mehreren Anti-Ra Plakaten das Gesicht von Angela Davis, während es im Zelt selbst nur so von weißen Menschen wimmelt, die sich als anti-rassistisch kennzeichnen wollen.

Auch die aktuelle Debatte um #metoo entsprang einer schon seit 10 Jahren bestehenden Kampagne von Tarana Burke (siehe: https://www.nytimes.com/2017/10/20/us/me-too-movement-tarana-burke.html). Darüber hat man kaum etwas in den deutschen Nachrichten gehört.

Die Serie Fresh Off the Boat, die neuerdings auch im deutschen Fernsehen läuft, erzählt von einer Integrationsgeschichte einer taiwanesisch-amerikanischen Familie. Problematisch ist hier der Protagonist und älteste Sohn Eddie Huang, der sich mit der schwarzen Kultur überidentifiziert und so bei seinen weißen Freunden zunehmend an Beliebtheit gewinnt:

And so his entree into the mainstream came not through assimilation into white mainstream America, but through a side door: an embrace of black culture as a lingua franca of outsiderness. In the pilot, the young Eddie is rejected in the lunchroom until a blond boy sees his Biggie Smalls T-shirt and invites him over, prompting the one black child in the cafeteria to exclaim, “A white dude and an Asian dude bonding over a black dude — this cafeteria’s ridiculous!”

(Quelle: https://www.nytimes.com/2015/02/01/arts/television/fresh-off-the-boat-is-based-on-the-eddie-huang-memoir.html)

Die (East (!) ) Asian Community, die ohnehin schon als model minority gesehen wird, vergnügt sich hier mit der schwarzen HipHop – Kultur, die noch nicht vor allzu langer Zeit von der weißen Mehrheitsgesellschaft diskreditiert und „ghetto“ gesehen wird/wurde, um von den eigenen kulturellen, hier male asian Stereotypen, abzulenken: „I’m not a nerd but a thug.“

Auch auf diesem Blog benutzte ich teilweise Theorien von Frantz Fanon und Web Du Bois, um meine asiatischdeutschen Erfahrungen artikulieren zu können. Mir ist es wichtig diese Theorien nicht zu vereinnahmen und meine Privilegien als ostasiatisch gelesene Person nicht zusätzlich zu stärken.

Das Konzept einer „post“kolonialen Gesellschaft erübrigt sich hier (minimal) als Verarbeitung von vergangener Kolonialgeschichte und weniger als eine introspektive Auseinandersetzung mit dieser Geschichte der Sklaverei und dessen Auswirkungen auf unsere heutige Gesellschaft. Wir leben nicht in einer „postracial society“. „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ fallen hier zusammen und sind eng miteinander verwoben.  Die Ausstellung von „Zeugnissen der Geschichte der Menschheit“ als Museumskonzept ohne geschichtliche Auseinandersetzung ist hier obsolet.

Note/ Literatur für die Zukunft

Christina Sharpe: In the Wake: Making Post-Slavery Subject (2016) und Monstrous Intimacies: Making Post-Slavery Subjects (2009)

Saidiya Hartman: Lose your Mother (2006)

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c) Mathias Völzke. Theo, Eshetu, „Atlas Fractures“. 2017, auf Banner projiziertes Digitalvideo. documenta 14. (http://www.documenta14.de/de/artists/13572/theo-eshetu)

Rückblick: Oktober

Oktober war einmal.

Hier ein Überblick zu den Events, Gedanken und Tracks der letzten Wochen:

(1) Asian Film Festival Berlin:

Mobile bodies – Local bodies – Queer bodies. Das Asian Film Festival fand Anfang Oktober im Ballhaus Naunyn Berlin statt. Unter dem Event-Titel Busy Bodies gab es ein 1-wöchiges Programm mit Filmen, Prodiumsdiskussionen und Performances.  Für mich war vorallem der letzte Tag der Veranstaltung ausschlaggebend. Auf dem Programm stand  um 19 Uhr der Filmblock Vietnamese Diasporic Film Shorts. Zehn Minuten vor Beginn stolperte ich fast über die letzte Person in der Schlange – ca. 15 Meter von der Kasse entfernt. Letzendlich bekam ich noch einen Restplatz, betrat den brechend vollen Raum und war eigentlich schon fast gerührt von der riesigen  Menschenmasse, die Interesse an der Lebensrealität anderer europäischer Vietnames_innen haben oder sogar die eigene Lebensrealität und die Problematik des Andersseins in diesen Filmen wiederfinden wollten. Besonders bei den Asian Diasporic Film Shorts am zweiten Programmtag fand ich mich selbst in den Charakteren der Kurzfilme wieder und staunte wie intensiv die Auswirkung war asiatisch gelesene Menschen nonstereotypisiert auf einer großen Leinwand zu sehen, die obendrauf viele meiner Gedanken zu Verfremdung, Exotisierung und maßlose Erschöpfung reartikulieren konnten.

(2) Recht und Rassismus – Tagung vom Marc Bloch Centre

Mitte Oktober fand die Tagung Recht und Rassismus statt, die vom Marc Bloch Centre organisiert wurde. Während das Thema Recht und Rassismus im anglo-amerikanischen Kontext ausgiebig behandelt wird (s. z.B. Kimberé Crenshaw’s Begriff der Intersektionalität), fehlt es in Deutschland und Frankreich zu diesem Thema an Diskursen. Die Tagung thematisierte demnach inwieweit sich nationale und internationale Gesetze sich mit (Anti-)Rassismus auseinandersetzen oder anti-rassistisches Handeln auf legaler Ebene gewährleisten. Zusätzlich wurden Realitäten und Konzepte wie „Grenzen“, „Mobilität“ und „nationale Identität“ analysiert und diskutiert.

(1)

Hourya Bentouhami hat mit ihrem Vortrag >>“I am not a racist, but…“ Racist ideology in a post-racial era. A feminist perspective.<< einen kollektiven Nerv getroffen. Wie diskutiert man Rassismus in einer Gesellschaft, die sich selbst nicht als rassistisch sieht? Bentouhami argumentiert, dass eine Gesellschaft als rassistisch identifiziert werden kann, die sich selbst nicht als rassisistisch sieht. In einer selbsternannten post-rassistischen Zone gehören Race und Rassismus nicht mehr zum Alltag, sondern in die Vergangenheit. Deswegen müssen sich Minderheiten jedesmal auf’s Neue begründen, warum ihre Rassismusserfahrung universal ist. Gleichzeitig wird dir deine eigene Individualität durch Essentialismus aberkannt: „Es ist deine Community, die durch deinen Mund spricht.“

Die Aussage „Ich bin kein/e Rassist/_in, aber das Kopftuch…“ deutet mit seiner/ ihrer  eigenen Negation auf eine erzeugte Rationalisierung hin, die die eigene Angst als Rassist/ Rassist_in bezeichnet zu werden, bestätigt (Begriff Rationalisierung nach Kant).

Ganz nach Dubois‘ „The Souls of Black Folks“ sehen sich Minderheiten stehts durch die Augen anderer. Durch die Fremdzuschreibung als „Ausländer_in“ kommt es zu verschiedenen Abwägungen von Handlung und Habitus. Was ist die weiße Norm und wie nah bin ich dran? Charles Mills definiert im Sammelband  Race and Epistomology von Sullivan  den Begriff „benevolent white“/ „white ignorance“. Die Aussage „Ich sehe dich nicht als schwarze Person“ ist mit einer „tiefen Kolonialisierung des Geistes“ verbunden, in der die (Selbst-)razifizierung erst durch die Anerkennung weißer Menschen aufgehoben wird. In einer postkolonialen Era gibt es keine Kolonialisierung und die Nachwirkungen nur das „Problem“ der kolonialisierten Gesellschaften. Die Ideologie der Gleichberechtigung aller Mitglieder der Gesellschaft kommt hier besonders zum Ausdruck.

Bentouhami stellt ein Projekt in Frankreich (Toulouse?) vor, welche die Schließung einer Mittelschule, die größtenteils von rassifizierten Schüler/_innen besucht wird, vornehmen möchte, weil dies zu einer „Ghettoisierung“ führen könne. Ein Block von rassifizierten Menschen kann ohne weiße Menschen nicht zivilisiert sein. Zusätzlich wird ihnen die Individualität abgesprochen. Wenn man einem/einer schwarzen Geflüchteten Asyl gewährt, muss man seine/ihre ganze Familie/Community aufnehmen. Wenn Frauen ohne Männer unterwegs sind kommt die Frage: „Ladies, are you alone tonight?“ Razifitierte Menschen werden „vervielfacht“ gesehen und das „schwächere Geschlecht“ ist unvollständig, wenn kein Mann anwesend ist.

(2)

Laurence Meyer thematisiert in ihrer Kurzdoku „Migration Laws and the <White Savior Complex>: the regulation of migrants‘ intimacies in Germany and France“ die Übersentimentalisierung des „Flüchtlingsproblems“ und die Zurschaustellung der eigenen Hilfsbereitsschaft durch die Aufnahme von Geflüchteten. Die Tatsache, dass in der Realität nicht alle, sondern 1/3 der Geflüchteten nach Europa kommen, wird meistens untergraben. Es wird besonders auf die begrenzte Mobilität von Geflüchteten am Beispiel von einzelnen Paragraphen im Asylgesetz eingegangen: §55 Aufenthaltsgestattung, §56 Räumliche Beschränkung und §57 Verlassen des Aufenthaltsbereichs einer Aufnahmeeinrichtung.

Auch Anam Soomro geht in ihrem Vortrag „A critical inquiry into freedom of movement: race, colonialsm and the making of international law“ der Frage nach, wie Rassifizierung und freie Mobilität zusammenhängen. Dabei untersucht sie unter Anderem die Vergabe von Visums, die zu einer Einschränkung der Mobilität führen kann. Soomro argumentiert, dass die Einreise, der Aufenthalt und Durchreise eines fremden Landes unmittelbar mit dem eigenen Reisepass/ Rassifizierung zusammenhängt (s. Einreiseverfahren unter Trump).  Tatsächlich werden weiße Menschen selten in einem negativen Kontext als Fremde gesehen und weiße Menschen sehen selten als Fremde, sondern kulturelle Individuen, die die Welt uneingeschränkt und stets willkommend erkunden können (extrema: Sextourismus, Backpacker-Touristen mit Vietnam-Kambotscha-Laos Reiseführern).

Interessant finde ich dazu die Arbeit der Anthropologin Jana Binder, die sechs Leitsprüche des Rucksacktourimus‘ im 21. Jahrhundert identifziert und analysiert hat. Das Motiv „Go whereever you want“ unterstreicht das Ziel der Backpacker Grenzen überwinden zu wollen. So beschreibt Baron, dass, laut Binder, Backpacker „dank ihres meist priviligierten ökonomisch-kulturellen Hintergrunds die Möglichkeit haben, formal existierende Grenzen mehr oder weniger ungehindert zu überwinden. Das Überwinden von Grenzen bekommt dadurch eine positive Bedeutung. Dadurch bekommen Grenzen, Nationalismus und Routen eine ganz andere Bedeutung für diesen Alternativtourismus.“ Die Frage lautet dann: Wie kann man auf einer globalen Skala über Rassismus reden?

Es gab viele weitere Denkanstöße im Laufe des Tages:

  1. Inwiefern ähneln sich Diskriminierungserfahrungen von People of Color/ weißen Menschen und Westdeutschen/Ostdeutschen in Deutschland?
  2. Was ist der Unterschied zwischen Rassismus und Race?
  3. Kettenduldung in Frankreich und Deutschland
  4. Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Post-Holocaust und Post-Kolonialismus?

(3) MeToo-Demonstration Berlin

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(c) metoo berlin

Ende Oktober fand die #metoo Demonstration statt. Beim offenen Treffen wurden Organisation und Forderungen von #metoo berlin besprochen. Ich habe die Thematik Asia Fetisch thematisiert und war überrascht, dass ich mich nicht selbsterklären musste, sondern gutes Feedback bekam. Es hat Spaß gemacht mit extrem engagierten Frauen* zusammenzuarbeiten. Die Redebeiträge auf der Demo waren teilweise sehr intim, aber gleichzeitig von der Message/ Wut/ Enttäuschung universell. Die Forderungen haben wir gemeinsam verfasst und so fand der Begriff (deutsch)-asiatische Menschen sein Debüt in der linken Berliner Szene.

Alle FrauenLesbenTrans*Inter*Personen (FLTI*) sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Gleichzeitig variiert jedoch die konkrete Erfahrung. Diskriminierung aufgrund von geschlechtlicher Zuschreibung, Sexualität, rassistischer Zuschreibung, Religion, (Nicht-)Behinderung und sozialer Stellung überlagern sich auch in diesem Bereich. Das zeigt sich beispielsweise bei beHinderten Personen, denen häufig die Selbstbestimmung über ihre Sexualität abgesprochen wird. Im Falle sexualisierter Übergriffe ist es für sie daher besonders schwierig, Gehör und Unterstützung zu finden. Sexismus und Rassismus treffen zusammen wenn beispielsweise (deutsch-) asiatische FLTI*Personen in übersexualisierter Weise dargestellt werden. Oft wird ihnen dabei eine besondere Unterwürfigkeit unterstellt. Das geht gar nicht! Feminismus muss antirassistisch sein!

Oft werde ich mit der Frage konfrontiert, warum ich identitätspolitisch arbeite. Ich frage mich dann, wie ich sonst arbeiten soll. Mir ist bewusst, dass sich wahrscheinlich wenige Menschen mit dem Begriff „Deutsche Asiat_innen“ identifizieren oder sogar mit People of Color. Allerdings ist genau die Unsichtbarkeit bestimmter Gruppen ein Problem, wo ein Diskurs nur durch die Sichtbarmachung von z.B. Deutschen Asiat_innen/ asiatischen Deutschen, asiatisch gelesene Menschen etc. etc. angetrieben werden kann. Ich habe den Begriff Deutsch-Asiaten gewählt, weil dieser, wie „Deutsch-Türken“, bereits in den deutschen Medien vorkommt. Ich finde es nicht notwendig neue Termina zu erfinden, mir ist es nicht wichtig als „Deutsche“ gesehen zu werden, sondern als ein Mensch, der nicht wegen seines Aussehens exotisiert und verfremdet wird. Wir leben nicht in einer post- rassistischen Gesellschaft. Stattdessen möchte ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass kein Begriff einer ultimativen Beschreibung von komplexen Individuen gerecht werden kann.

(4) Track des Monats

Einfach mal . . . Nichts. Sein.

 

 

 

krach saves the world

 

„Mir ist alles viel zu leise. Mir ist alles viel zu laut. Mir ist alles viel zu leise.“

 

Im Jahre 2005 erscheint ein Artikel über das Album Congotronics von der kongolesischen Band Konono No. 1 unter dem Titel  Post-Colonial Electronica von Andy Pemberton. Die Band besteht aus zwölf Menschen und macht Musik mit „kuriosen, Kinderspielzeug ähnlichen Instrumenten, die Klänge jenseits unserer Vorstellungen erzeugen.“ Um den dröhnenden Straßenlärm in Kongo zu übertönen, so schreibt Pemberton, kombinieren sie traditional trance music, die mitsamt der Likembes (thumb pianos) über Mikrophone aus den Magneten von Auto-Alternatoren und Musikboxen, die von belgischen Kolonisten 1960 zurückgelassen wurden, verstärkt werden. Die „brüllende Resonanz“, die dieses Lo-Fi- Musiksystem produziert, wird in polyrhythmisches Trommeln und call-and-response chanting eingearbeitet, um ein „brutales, neo-traditionelles Genre“ zu entwickeln, welches von Musiker_innen in Kinshasa als tradi-moderne bezeichnet wird. Vincent Kenis, beligischer Musiker und Musikproduzent, hat Konono No.1 erstmals 1980 auf einem französischen Radiosender gehört. 2002 macht er sich auf die Suche nach der Band und zwei Jahre später startet er die Congotronics – Serie, welche elektro-traditionelle Musik aus Kinshasa popularisieren sollte. In Zusammenarbeit mit Konono No. 1 erscheinen Congotronics (2005), Live at Coleur (2007) und Assume Crash Position (2010). Kenis beobachtet ein steigendes Interesse an diesem Genre, obwohl „afrikanische Musik“ von der westlichen Welt wenig Aufmerksamkeit erregte und betont:“African music is not only pretty voices made in Europe and America. It can also be very violent and very special and very inventive.“

Genres, wie industrial, industrial techno und Lo-Fi music zeichnen sich durch die Verwendung Krach-basierter Materialien aus. Auch tradi-moderne lässt sich mit ihren dröhnenden Sounds der Noise music unterordnen. Musiktheoretiker Torben Sangild erklärt, dass es keine übergreifende Definition von Noise music gibt. Stattdessen kann Noise music aus drei verschiedenen Blickwinkeln gesehen werden: (1) die musikalisch-akustische Definition, (2) die kommunikative Definition (ein kommunikatives Signal wird durch Krach gestört) und (3) die subjektive Definition (Bsp.: Krach für die eine Person, ist Musik für den anderen, als zuvor Krach definierte Töne, gelten heute als Musik). Krach in der Musik kann deswegen als Neuentwicklung/-verwendung/-definition von Klängen gesehen werden. Auch Congotronics erreicht mit dem Zusammenspiel von „alten und neuen“ Klängen eine Redefinition afrikanischer Musik.

Krach

In seinem Buch Noise: A Political Economy of Music (1977) schreibt Jacques Attali: [Music’s] order simulates the social order, and its dissonances express marginalities.” Auch Marie Thompson schreibt, dass Krach mehr ist als nur ein ungewollter Sound und untersucht in Beyond Unwanted Sound: Noise, Affect and Aesthetic Moralism das Konzept des Krachs in Anlehnung an das Nietzschianische Jenseits. Es beschreibt eine Rückkehr in die vormoralische Zeit, in der Handlungen nicht nach ihrer Absicht, sondern nach ihrer Wirkung beurteilt wurden. Thompson widmet sich demnach der Frage, wie Krach jenseits der damit verbundenen Assoziationen als etwas Störendes und Ungewolltes in verschiedenen (kulturellen) Zusammenhängen kontextualisiert werden kann. Krach/ Stille – Laut sein/ schweigen – stören/ harmonisieren. Ganz nach dem Zitat von Attali sind es die Marginalisierten der Gesellschaft, die Krach machen müssen, um gehört zu werden. Sie bilden die Dissonanz, die die vermeintliche Harmonie der Gesellschaft stört und in Frage stellt. Krach wird zum politischen Akt.

Ungewollte Klänge durchbrechen auch in der Musikwelt bestehende Dichotomien: high/low art, authentische/unpersönliche Musik, Melodie/Missklang und neu/alt. Besonders elektronische Musik ermöglicht den Produzent_innen als auch den Konsumenten besondere Freiheiten. Das Samplen verleiht der Produktion eine Intertextualität, wo bereits existente Vocals, Melodien, Beats, Klänge, Texte neu definiert und in einem neuen Kontext verwendet werden. Passagen werden wiederholt, neu zusammengeschnitten, der Pitch wird erhöht, Ton-Ebenen werden überlagert.

In Statement of Purpose: Zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Inhalte in japanischer elektronischer Musik untersucht Terre Theamlitz das GLOBULE-Manifest des Labels Non-Standard, Monad von Haruomi Hosono, Mitglied des Yellow Magic Orchestra, und kommt zu dem Ergebnis, dass dieses Manifest als ein fundamentales Element der Identitätskonstruktion in japanischer elektronischer Musik gelten kann. Identität wird demnach als „Körper von Komponenten, der „in der Mitte von allem existiert, in einem sehr vieldeutigen Bereich“ gesehen und ist  „[d]urch die Grenzen der eigenen kulturellen Visionen und Kommunikationsfähigkeiten gleichermaßen gebunden und fließend.“ Die gesellschaftliche Bewegung lässt sich dadurch nur auf die Ablehnung von Eindeutigkeit (des Genres, der Identität) reduzieren, welche sich jeglichen Kategorisierungen entgegenstellt. Das Streben nach einer fluiden Identität enthüllt sich als eine Taktik, die bestehende Barrieren überwinden möchte.

Tanzen

Der Körper ist stets ein fokaler Punkt von Identitätskonstruktionen und somit auch Ausgangspunkt von Diskriminierungen und Fiktionalisierungen. Der fortschreitende Schwund „organischer Körperlichkeiten“ in der Produktion, erlaubt eine Dissoziation menschlicher Identität von elektro-produzierter Musik. Der eigene Körper als größte Hürde von persönlicher und gesellschaftlicher Akzeptanz verliert in den abgedunkelten Räumen der Elektro-Parties an Bedeutung. Der Körper ist nicht schwarz, weiß, farbig, männlich, weiblich, trans –  sondern tanzt:  „Der tanzende Körper wird in eine punktelle Lichterscheinung aufgelöst. Seine momenthafte Existenz im Raum/ Monitor wird nur dann bestätigt, wenn er von Lichtbünderln getroffen wird […]. Die Tanzenden stehen nicht mehr frontal zu den Bildern und Projektionen, sondern sind ein Teil von ihnen.“ Birgit Richard beschreibt den Tanz der Techno-Szene als einen Ausdauertanz, ein Mischtanz, der Gesten aus verschiedenen kulturellen Kreisen sampled, wie in der Musik. Der erste reine Club-Tanzstil wurde von englischen Mods für Jazz- und Soulmusik entwickelt, der bereits charakteristische Drehungen und Schleifen mit den Händen aufweist, welche sich später auch in den Bewegungen zu House- und Technomusik zeigen. Spiralförmige Armbewegungen und Verdrehungen der Handflächen stehen im Gegensatz zur europäischen Tanztradition, in der die Arme als stabilisierendes Element dienen (z.B. Ballet). Es gilt den Körper nicht als etwas konkretes, materielles, geschlechtliches zu sehen, sondern als einen Zusammenschluss überschreitender Identitäten. Der Körper soll „ent-glamourisiert werden.“

Community

Nichtsdestotrotz herrschen auch in der electronischen Musik-Szene/Kultur patriarchale Strukturen. Es gibt mehr Produzenten als Produzent_innen. Booking Agenturen sind auf  männliche, weiße, heterosexuelle DJs fixiert, die aus diesem Grund auch besser verdienen. Dennoch gibt es Projekte, die diesen Strukturen laut und deutlich entgegenstreben wollen, wie zum Beispiel Discwomen in New York und Equaliser in Leeds, die eine Plattform für queere, non-binäre Frauen* bieten und sich für die Gleichberechtigung aller Produzenten und Produzent_innen/ DJs einsetzen. Mit der Congotronics-Serie und der Intertextualität elektronischer Musik wurde gezeigt, dass neue Musik  geschichtliche Hintergründe haben kann, die „Altes“ und Vergangenes in neuen Zusammenhängen kontextualisiert und auch hinterfragt: Was ist Musik? Was ist Harmonie? Was ist noise? Krach hat viele Definitionen. Aber vor allem hat Krach hier die Funktion etwas zu bewegen.

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Literatur

Pemberton, Andy (2005): „Post-Colonial Electronica.“

Attali, , Jacques (1977): Noise: A Political Economy of Music.

Thompson, Marie (2017): Beyond Unwanted Sound: Noise, Affect and Aesthetic Moralism.

Richard, Birgit (2005): „DJ-Jane Kicks und Acid Chicks. Musikalische Ekstasen und Formationen der Körper“. In: Gendertronics. Der Körper in der elektronischen Musik.

Thaemlitz, Terre(2005): „Statement of Purpose. Zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Inhalte in japanischer elektronischer Musik“. In: Gendertronics. Der Körper in der elektronischen Musik.

Holert, Tom(2005): „Star-Schnittstelle. Glamour und eletronische Popkultur“. In: Gendertronics. Der Körper in der elektronischen Musik.

Wikipedia: Noise music, Vincent Kenis

„Mir ist alles viel zu leise. Mir ist alles viel zu laut.“ von Malte Schlösser