Gastbeitrag #2: Identitätskrise Haare

Inhaltshinweis –

In diesem Text geht es unter anderem um Belästigung auf der Straße und rassifizierende_sexualisierende Beschimpfungen. 

 

Als asiatisch und weiblich markierte Person [1] habe ich immer viele Komplimente für meine glatten langen dunklen Haare bekommen. Ich bin dahingehend privilegiert, dass meine Haare ihren Platz im Weltbild weißer Schönheitsideale haben, sodass mir nicht ungefragt in die Haare gefasst wird, wie es vielen Schwarzen Schwestern* und Brüdern* passiert. Dass meine Haare aber dennoch politisch sind und ich, je nachdem wie meine Haare aussehen, auf unterschiedliche Art und Weise rassifiziert_sexualisert [2] werde, ist mir erst aufgefallen als ich meine Haare abrasiert habe.

Als Queere Person of Color werde ich seit meiner Geburt jeden einzelnen Tag in einer weißen-patriarchalen-cis-hetero Dominanzgesellschaft fremd-definiert. Ich habe diesen Blick der Dominanzgesellschaft, von der ich marginalisiert und zur Anderen gemacht werde, inzwischen so sehr internalisiert, dass ich mir mittlerweile zu jedem Zeitpunkt darüber bewusst bin wie ich aus dieser Dominanzposition in kolonialrassistische Kategorien gesteckt werde. Wie mein Körper von Blicken vereinnahmt wird, die mich exotisieren und fetischisieren. Eigentlich möchte ich nicht, dass meine Diskriminierungserfahrungen so sehr im Zentrum meiner Identität stehen. Ich möchte mich nicht immer nur in Relation zu meinem Unterdrücker sehen. Stattdessen möchte ich den Raum haben mir Gedanken über mich selbst zu machen, herauszufinden wer ich bin, unabhängig von Vorurteilen und Zuschreibungen in denen ich mich nicht wieder finde. Aber gleichzeitig weiß ich nicht, wo ich diesen Raum finden soll, in dem ich frei von diesen Strukturen sein kann.

Mir die Haare abzurasieren war ein Herantasten und Ausprobieren von Strategien mich von den Vorstellungen einer weißen-patriarchalen-cis-hetero Gesellschaft zu befreien. Meine millimeterkurzen Haare haben massiv Irritationen hervorgerufen, insbesondere bei denjenigen weißen cis-Männern in meinem Umfeld, die mich vorher in ihre Schublade asiatischer Klischees, exotischer orientalistischer Phantasien und demütiger asiatischer Frauen mit seidigen glatten langen dunklen Haaren gesteckt haben. Wo ich vorher rassifiziert_sexualisiert wurde, wurde ich nun gehasst. Männer haben mir direkt ins Gesicht gesagt, dass sie denken, dass ich mit abrasierten Haaren scheiße aussehe und dass ich sie wieder rauswachsen lassen soll. Sobald ich nicht mehr in ihr Schema eines Objekts sexuellen Begehrens gepasst habe, war ich menschlichen Respekts anscheinend nicht mehr würdig. Ich wurde noch nie so schlimm wie zu dieser Zeit auf der Straße von Männern beschimpft und mit Vergewaltigungs-„Witzen“ bedacht. Zu dem üblichen „Ni hao“ oder „Ey Sushi-Muschi, komm mal rüber“, das mir cis-Männer auf der Straße hinterherrufen sind nun Sprüche dazu gekommen wie „Ladyboy, was kostest du?“ und „Ich setz dir ne Perücke auf und dann siehst du gar nicht mehr so hässlich aus für ne Asia Hure“. Als Gegenpol dazu haben mir so viele Frauen* wie noch nie Komplimente gemacht, mir gesagt, wie schön, sie meine abrasierten Haare finden und dass sie selbst das eigentlich so gerne mal machen würden, aber sich niemals trauen würden. Kein Wunder, wenn mensch bedenkt, welche Konsequenzen und Einschränkung in der Bewegungsfreiheit abrasierte Haare haben können. …Und dann gab es auch noch die Personen, die geglaubt haben, dass ich Buddhistin sei – klar, eine asiatisch markierte Person mit abrasierten Haaren kann nichts anderes als Buddhistin sein – und haben mich ununterbrochen über Buddhismus und Spiritualität ausgefragt. Da hilft auch zehnmal sagen, dass ich keine Buddhistin bin nichts mehr. Das Schubladendenken ist zu festgefahren.

Auch wenn ich meine stoppelkurzen Haare sehr gerne mochte, war es mir irgendwann zu viel, sodass ich sie wieder rauswachsen lassen habe. Nach einer sehr langen Zeit mit furchtbaren Frisuren und seltsamen Zwischenlängen habe ich meine Haare blond gefärbt. Anlass für all diejenigen, die sich bei den abrasierten Haaren zurückgehalten haben, nun doch noch ihren Senf dazu zu geben. Der allgemeine Konsens war, dass Asiat*innen mit blonden Haaren seltsam sind und dass das etwas zum Lachen ist. Sogar mein Uni Prof meinte in der Position zu sein, mir zu sagen, dass Asiatinnen keine blonden Haare stehen und warum ich das alles denn überhaupt gemacht hätte mit dem Abschneiden und dem Färben. Bei der Arbeit waren meine Haare ständig Thema und sogar irgendwelche random Behördenmitarbeiter meinten mir zur Begrüßung sagen zu müssen, dass ihnen meine Haare nicht gefallen und dass ich mit solchen Haare ja niemals einen Job finden werde, da Asiatinnen mit blonden Haaren einfach nicht professionell aussehen würden.

Viele Monate und viele bunte Haarfarben später saß ich nun bei meiner Friseurin, die mich fragte, was ich denn plane in Zukunft mit meinen Haaren zu machen. Eine einfache Frage und trotzdem so schwer zu beantworten. In dem Moment hatte ich das Gefühl, dass meine ganze Identität von der Entscheidung abhängt, was ich mit meinen Haaren mache. In diese Entscheidung spielt so viel mit rein. Es geht nicht einfach nur darum, was ich gerade schön finde und worauf ich Lust habe, sondern auch darum wie viel ich belästigt werde, wieviel Energie ich habe, wieviel ich aushalten kann und welche Haarfarbe und welcher Haarschnitt wieviel Rassifizierung_Sexualisierung mit sich bringt.

Ich mag meine Naturhaarfarbe eigentlich gerne und möchte mein Aussehen so wie es ist wertschätzen, mehr lieben lernen und internalisierte Abneigung gegen meine eigene Herkunft ablegen. Gleichzeitig habe ich aber auch keine Lust in dieses kolonialrassistische Klischeebild unterwürfiger exotischer Asiatinnen zu passen, das von weißen cis-Männern auf mich projiziert wird, sobald ich wieder dunkle (und längere) Haare habe. Ist es nicht der richtige Weg von jahrelanger Sozialisierung als Frau wegzukommen, indem ich nicht mehr versuche weißen cis-Männern zu gefallen sondern von ihnen scheiße gefunden zu werden? Aber richte ich meine Handlungen, mein Aussehen, meine Person dann nicht doch wieder danach, was irgendwelche cis-Männer von mir denken? Wenn ich gefärbte Haare habe werde ich weniger wie eine neu-immigrierte Migrantin behandelt und genieße dadurch manchmal Privilegien, die ich mit dunklen Haaren nicht habe. Aber passe ich mich dann mit blonden Haaren nicht einer weißen Mehrheitsgesellschaft an? Whitewashe ich mich damit selber? Verleugne ich meine Herkunft?

Ich möchte, dass es mir egal ist, was andere Leute von mir denken, aber gleichzeitig kann ich auch nicht ignorieren, wie Rassifzierung_Sexualisierung mir weh tut, jeden einzelnen Tag. Was Leute von mir denken und wie sie mich Kategorisieren hat einen sehr realen Einfluss darauf wie mit mir umgegangen wird, was für Jobs ich bekomme, wo ich wohnen kann, wie ich von Ärzt*innen behandelt werde und ob ich verbal und/oder körperlich Angegriffen werde. Wie kann ich also diesen Raum für mich selbst finden, wo ich rausfinden kann wer ich bin, was mir gut tut und was ich für mich möchte, wenn dieses System der Unterdrückung so allgegenwärtig ist?

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1 asiatisch markiert weist darauf hin, dass hinter dem geographischen Asien multiple Communities, Kulturen, Identitäten und Länder stecken, aber, dass in Deutschland die Vorstellung von Asien meistens auf Ost- und Südostasien beschränkt ist. Wenn Menschen in Deutschland als „asiatisch“ fremdbestimmt werden, sind damit tendenziell nur Menschen mit Ost- und Südostasiatischem Hintergrund gemeint, während andere Communities, Länder, Kulturen und Identitäten marignalisiert werden und die Identifizierung als „asiatisch“ abgesprochen wird. Ebenso bedeutet weiblich markiert eine Fremdbestimmung in Bezug auf Gender. Personen, die sich nicht unbedingt als weiblich identifizieren, aber von der Dominanzgesellschaft so eingeordnet und misgendert werden, werden von dieser als weiblich markiert.

2 rassifiziert_sexualisiert bedeutet, dass Menschen aus einer Dominanzposition heraus, in bestimmte Kategorien von ‚Race‘, Gender und Sexualität eingeordnet werden. Der Fokus liegt hierbei nicht auf selbstbestimmte Identitäten, sondern den Prozess der gewaltvollen Kategorisierung. Rassifizierung_sexualisierung wird hier mit einem Unterstrich verbunden um die Verflechtung beider Begriffe intersektional aufzugreifen.


Über die Autorin*

Sina* identifiziert sich als Queere Person of Color, als Asiatische-Deutsche. Sie beschäftigt sich mit den Themenfeldern (Post)Kolonialismus, Anti-Rassismus, Queer-Feminismus, Mental Health und Empowerment.


Weiterführende Leseempfehlung:

Colored Streaks on Asian Women: The Damaging Trope

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Aufruf: Stop Racial Fetishism – Block auf der Frauen*kampftagsdemo

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Racial fetishism is where female fetishism,
capitalistic ideologies and
racism meet.

At this year‘s International Women‘s* March we want to speak up against the fetishisation of Black women and Women* of Color.

Black women* and women* of color (BW*oC) are highly underrepresented in German mainstream media. When we do see them on screen, they are usually hypersexualised, portrayed in stereotypical ways or commodified for marketing purposes (see: tokenism). This perpetuates and reproduces stereotyping and discrimination that we encounter on a daily basis.

Racial fetishism encourages the Othering, hypersexualisation and instrumentalisation of our bodies. This includes but is NOT limited to strong racial preferences in dating, for instance the so-called „Asian Fetish“.

Commodification of race occurs when the bodies of BW*oC and their „cultural practices“ are put up as products that ought to sell a certain exotic experience.

Our ethnicity is NOT something to fetishise and commodify! Stop Racial Fetishism!

Let‘s join forces and fight against racism, anti-feminist ideologies and capitalist structures!

The Future is Ours!

https://www.facebook.com/events/156101108534547/

Das Milieu der Toten: Ein Kommentar

Vereinnahmung der Arbeit von schwarzen Menschen. Kommentar zur anschließenden Diskussion bei der Veranstaltung „Milieu der Toten. Teil 2: Leerstellen. Das Nachleben der Sklaverei und die Lücken der Archive.“

Link zum Programm: http://www.humboldtforum.com/de-DE/veranstaltungen/milieu-der-toten-teil-2-2/. Das Video wurde leider runtergenommen.

Anliegen war Folgendes (Ausschnitte aus meiner Rage-E-Mail):

Als ich gestern kurz eingeschaltet habe, fand ich die Aufmachung auch total „awkward“ und auch heute war ich erstaunt, dass weder Christina Sharpe noch Saidiya Hartman an der finalen Poduiumsdiskussion teilgenommen haben, sondern die Runde nur aus weißen KuratorInnen bestand.

Aus dem Publikum kam dann zurecht die Frage, warum Sharpe und Hartman überhaupt eingeladen wurden, wenn deren Werke eigentlich nur die Atmosphäre für den Diskurs über lückenhafte Archive und Kuration schaffen sollte. Dabei wurden die KuratorInnen eingeladen, um die Arbeit von Sharpe und Hartman zu kommentieren… Es wurde kritisiert, dass das Thema Museum und Kuration wenig mit dem (physischen) Leiden der versklavten Menschen zu tun hatte und die Arbeit von Sharpe und Hartman nur „konsumiert“ wurde. Deswegen konnte kein Diskurs auf Augenhöhe stattfinden. Das Leiden wurde auf die „Technologie der Kuration“ reduziert. Das eigentliche Problem sei jedoch das ‚Museum‘ als Instituion in Europa und ihre Strukturen. Goitseone Montsho fragt anschließend: Wann können weiße Menschen endlich introspektiv über Kolonialherrschaft in der deutschen/ westlichen Geschichte reden, ohne die Arbeit schwarzer Menschen zu vereinnahmen?

Auch Hartmann fand, dass sie wenig im Diskurs involviert war und lediglich als Argumentationspunkt für dieses Projekt eingeflogen wurde. Die Veranstalterin stimmte sogar indirekt zu, dass dieses Konzept sehr problematisch ist. Sie fand die Arbeit von Sharpe „einfach so fazinierend“ und wollte mit dieser Veranstaltung dieses Werk mit ihren KollegInnen teilen (?). Eine weitere weiße Frau im Publikum war dann wirklich der Höhepunkt dieser Diskussion… Ihr war unklar, warum denn so viele empört und überrascht seien. Das Thema Museen und Archive wurde doch in der EInladung und im Programm deutlich genannt. Sie verstehe die Empörung nicht und man solle es doch zu schätzen wissen, dass dieses Thema behandelt wird (wenn ich das so richtig verstanden habe. Jemand prustete danach nämlich direkt vor Ungläubigkeit los.) Am Ende gab es einen kurzen Beitrag zu Afropolitanismus und die dennoch bestehende Frage des (Nicht)Dazugehörens aus dem Publikum. Denn auch heutzutage sind schwarze Menschen an vielen Orten dieser Welt nicht willkommen, obwohl die afrikanische Diaspora weit verstreut ist.

Die KuratorInnen haben sich von dem Humboldt Forum distanziert. Clémentine Deliss wurde dann auch deutlich und meinte, dass das Humboldt Forum ein nationalistisches Projekt sei. Auch Friedrich von Bose hatte schon am Anfang der Podiumsdiskussion angemerkt, dass eigentlich Sharpe und Hartman im Mittelpunkt stehen sollten. Die Moderation war einfach total daneben. Ich begreife einfach nicht, wie ein hochfinanziertes Kultur-Projekt so wenig Tiefe und Selbstreflektion haben kann. Vorallem wenn der Slogan ist: „Wer die Welt verstehen will, geht ins Humboldt Forum.“

Kommentar

Mindestens zwei Probleme kann ich aus dieser Diskussion herausfiltern. Erstens wird „post“koloniales Denken nicht in die Praxis umgesetzt, sondern beschränkt sich wie so oft in der Theorie. Zweitens, die Gegenwart wird als „post“kolonial Gesehen, ein Abschnitt, in der Kolonialgeschichte Geschichte ist und mit einer gewissen Distanz behandelt werden kann. Aber das Leiden ist auch heute real.

Christina Sharpe schreibt in „In the Wake: On Blackness and Being“, dass es sich hierbei um ein „Verstrickung“ von Kolonialgeschichte und der gegenwärtigen Lebensrealität schwarzer Menschen (in der Diaspora) handelt. Postkoloniales Denken wird hier nicht in die Praxis umgesetzt, weil die Arbeit von Hartman und Sharpe als Argumentationsstütze für das Projekt „post-ethnologisches Museum“ benutzt wird, ohne auf die deutsche Kolonialgeschichte einzugehen. Stattdessen werden die Einzelheiten, die „Technologie“ der Kuration diskutiert. Problem ist aber, die Institution selbst und dessen Geschichte in Europa. So wurde die Arbeit (der Flug von Amerika nach Berlin, das Vorlesen des Buches, das Schreiben des Buches selbst) von Sharpe und Hartman für die eigene Argumentation vereinnahmt. Sharpe argumentiert, dass die Kolonialgeschichte und das Leiden der versklavten Menschen atemporal ist. Tatsächlich trägt das Humboldt Forum nur wenig zu einer kritischen Auseinandersetzung bei, sondern begrenzt sich auf einen ‚fröhlichen Multikulturalismus‘. Die jungle world schreibt:

In diesem mit nationalen und kolonialen Symbolen aufgeladenen Bau soll ein »einzigartiges Zentrum«, ein »Treffpunkt von Menschen aus aller Welt – unabhängig von Herkunft, Alter, Ausbildung, Interessen, Vorwissen oder Vorlieben« entstehen. Das Humboldt-Forum trage dazu bei, ein »aktuelles Verständnis unserer globalisierten Welt zu vermitteln«, und stehe für »ein respektvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben der Kulturen und Nationen«

(Quelle: https://jungle.world/artikel/2017/02/ein-museum-erklaert-die-welt)

Die Vereinnahmung von schwarzen Theorien, Introspektiven, Kulturen ist keine Seltenheit.  Die lange Geschichte (dennoch immer noch gegenwärtige Realität des) „Black Struggles“ und die lang umkämpfte Bewegung schwarzer Menschen gilt heute als Aushängeschild einer „gelungenden Emanzipation“. So findet man z.B. auf der SDS Jubiläumsparty (sozialistisch-demoratischer Studierendenverband) auf mehreren Anti-Ra Plakaten das Gesicht von Angela Davis, während es im Zelt selbst nur so von weißen Menschen wimmelt, die sich als anti-rassistisch kennzeichnen wollen.

Auch die aktuelle Debatte um #metoo entsprang einer schon seit 10 Jahren bestehenden Kampagne von Tarana Burke (siehe: https://www.nytimes.com/2017/10/20/us/me-too-movement-tarana-burke.html). Darüber hat man kaum etwas in den deutschen Nachrichten gehört.

Die Serie Fresh Off the Boat, die neuerdings auch im deutschen Fernsehen läuft, erzählt von einer Integrationsgeschichte einer taiwanesisch-amerikanischen Familie. Problematisch ist hier der Protagonist und älteste Sohn Eddie Huang, der sich mit der schwarzen Kultur überidentifiziert und so bei seinen weißen Freunden zunehmend an Beliebtheit gewinnt:

And so his entree into the mainstream came not through assimilation into white mainstream America, but through a side door: an embrace of black culture as a lingua franca of outsiderness. In the pilot, the young Eddie is rejected in the lunchroom until a blond boy sees his Biggie Smalls T-shirt and invites him over, prompting the one black child in the cafeteria to exclaim, “A white dude and an Asian dude bonding over a black dude — this cafeteria’s ridiculous!”

(Quelle: https://www.nytimes.com/2015/02/01/arts/television/fresh-off-the-boat-is-based-on-the-eddie-huang-memoir.html)

Die (East (!) ) Asian Community, die ohnehin schon als model minority gesehen wird, vergnügt sich hier mit der schwarzen HipHop – Kultur, die noch nicht vor allzu langer Zeit von der weißen Mehrheitsgesellschaft diskreditiert und „ghetto“ gesehen wird/wurde, um von den eigenen kulturellen, hier male asian Stereotypen, abzulenken: „I’m not a nerd but a thug.“

Auch auf diesem Blog benutzte ich teilweise Theorien von Frantz Fanon und Web Du Bois, um meine asiatischdeutschen Erfahrungen artikulieren zu können. Mir ist es wichtig diese Theorien nicht zu vereinnahmen und meine Privilegien als ostasiatisch gelesene Person nicht zusätzlich zu stärken.

Das Konzept einer „post“kolonialen Gesellschaft erübrigt sich hier (minimal) als Verarbeitung von vergangener Kolonialgeschichte und weniger als eine introspektive Auseinandersetzung mit dieser Geschichte der Sklaverei und dessen Auswirkungen auf unsere heutige Gesellschaft. Wir leben nicht in einer „postracial society“. „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ fallen hier zusammen und sind eng miteinander verwoben.  Die Ausstellung von „Zeugnissen der Geschichte der Menschheit“ als Museumskonzept ohne geschichtliche Auseinandersetzung ist hier obsolet.

Note/ Literatur für die Zukunft

Christina Sharpe: In the Wake: Making Post-Slavery Subject (2016) und Monstrous Intimacies: Making Post-Slavery Subjects (2009)

Saidiya Hartman: Lose your Mother (2006)

d14_Theo_Eshetu_Atlas_Fractured_©_Mathias_Voelzke

c) Mathias Völzke. Theo, Eshetu, „Atlas Fractures“. 2017, auf Banner projiziertes Digitalvideo. documenta 14. (http://www.documenta14.de/de/artists/13572/theo-eshetu)

Rückblick: Oktober

Oktober war einmal.

Hier ein Überblick zu den Events, Gedanken und Tracks der letzten Wochen:

(1) Asian Film Festival Berlin:

Mobile bodies – Local bodies – Queer bodies. Das Asian Film Festival fand Anfang Oktober im Ballhaus Naunyn Berlin statt. Unter dem Event-Titel Busy Bodies gab es ein 1-wöchiges Programm mit Filmen, Prodiumsdiskussionen und Performances.  Für mich war vorallem der letzte Tag der Veranstaltung ausschlaggebend. Auf dem Programm stand  um 19 Uhr der Filmblock Vietnamese Diasporic Film Shorts. Zehn Minuten vor Beginn stolperte ich fast über die letzte Person in der Schlange – ca. 15 Meter von der Kasse entfernt. Letzendlich bekam ich noch einen Restplatz, betrat den brechend vollen Raum und war eigentlich schon fast gerührt von der riesigen  Menschenmasse, die Interesse an der Lebensrealität anderer europäischer Vietnames_innen haben oder sogar die eigene Lebensrealität und die Problematik des Andersseins in diesen Filmen wiederfinden wollten. Besonders bei den Asian Diasporic Film Shorts am zweiten Programmtag fand ich mich selbst in den Charakteren der Kurzfilme wieder und staunte wie intensiv die Auswirkung war asiatisch gelesene Menschen nonstereotypisiert auf einer großen Leinwand zu sehen, die obendrauf viele meiner Gedanken zu Verfremdung, Exotisierung und maßlose Erschöpfung reartikulieren konnten.

(2) Recht und Rassismus – Tagung vom Marc Bloch Centre

Mitte Oktober fand die Tagung Recht und Rassismus statt, die vom Marc Bloch Centre organisiert wurde. Während das Thema Recht und Rassismus im anglo-amerikanischen Kontext ausgiebig behandelt wird (s. z.B. Kimberé Crenshaw’s Begriff der Intersektionalität), fehlt es in Deutschland und Frankreich zu diesem Thema an Diskursen. Die Tagung thematisierte demnach inwieweit sich nationale und internationale Gesetze sich mit (Anti-)Rassismus auseinandersetzen oder anti-rassistisches Handeln auf legaler Ebene gewährleisten. Zusätzlich wurden Realitäten und Konzepte wie „Grenzen“, „Mobilität“ und „nationale Identität“ analysiert und diskutiert.

(1)

Hourya Bentouhami hat mit ihrem Vortrag >>“I am not a racist, but…“ Racist ideology in a post-racial era. A feminist perspective.<< einen kollektiven Nerv getroffen. Wie diskutiert man Rassismus in einer Gesellschaft, die sich selbst nicht als rassistisch sieht? Bentouhami argumentiert, dass eine Gesellschaft als rassistisch identifiziert werden kann, die sich selbst nicht als rassisistisch sieht. In einer selbsternannten post-rassistischen Zone gehören Race und Rassismus nicht mehr zum Alltag, sondern in die Vergangenheit. Deswegen müssen sich Minderheiten jedesmal auf’s Neue begründen, warum ihre Rassismusserfahrung universal ist. Gleichzeitig wird dir deine eigene Individualität durch Essentialismus aberkannt: „Es ist deine Community, die durch deinen Mund spricht.“

Die Aussage „Ich bin kein/e Rassist/_in, aber das Kopftuch…“ deutet mit seiner/ ihrer  eigenen Negation auf eine erzeugte Rationalisierung hin, die die eigene Angst als Rassist/ Rassist_in bezeichnet zu werden, bestätigt (Begriff Rationalisierung nach Kant).

Ganz nach Dubois‘ „The Souls of Black Folks“ sehen sich Minderheiten stehts durch die Augen anderer. Durch die Fremdzuschreibung als „Ausländer_in“ kommt es zu verschiedenen Abwägungen von Handlung und Habitus. Was ist die weiße Norm und wie nah bin ich dran? Charles Mills definiert im Sammelband  Race and Epistomology von Sullivan  den Begriff „benevolent white“/ „white ignorance“. Die Aussage „Ich sehe dich nicht als schwarze Person“ ist mit einer „tiefen Kolonialisierung des Geistes“ verbunden, in der die (Selbst-)razifizierung erst durch die Anerkennung weißer Menschen aufgehoben wird. In einer postkolonialen Era gibt es keine Kolonialisierung und die Nachwirkungen nur das „Problem“ der kolonialisierten Gesellschaften. Die Ideologie der Gleichberechtigung aller Mitglieder der Gesellschaft kommt hier besonders zum Ausdruck.

Bentouhami stellt ein Projekt in Frankreich (Toulouse?) vor, welche die Schließung einer Mittelschule, die größtenteils von rassifizierten Schüler/_innen besucht wird, vornehmen möchte, weil dies zu einer „Ghettoisierung“ führen könne. Ein Block von rassifizierten Menschen kann ohne weiße Menschen nicht zivilisiert sein. Zusätzlich wird ihnen die Individualität abgesprochen. Wenn man einem/einer schwarzen Geflüchteten Asyl gewährt, muss man seine/ihre ganze Familie/Community aufnehmen. Wenn Frauen ohne Männer unterwegs sind kommt die Frage: „Ladies, are you alone tonight?“ Razifitierte Menschen werden „vervielfacht“ gesehen und das „schwächere Geschlecht“ ist unvollständig, wenn kein Mann anwesend ist.

(2)

Laurence Meyer thematisiert in ihrer Kurzdoku „Migration Laws and the <White Savior Complex>: the regulation of migrants‘ intimacies in Germany and France“ die Übersentimentalisierung des „Flüchtlingsproblems“ und die Zurschaustellung der eigenen Hilfsbereitsschaft durch die Aufnahme von Geflüchteten. Die Tatsache, dass in der Realität nicht alle, sondern 1/3 der Geflüchteten nach Europa kommen, wird meistens untergraben. Es wird besonders auf die begrenzte Mobilität von Geflüchteten am Beispiel von einzelnen Paragraphen im Asylgesetz eingegangen: §55 Aufenthaltsgestattung, §56 Räumliche Beschränkung und §57 Verlassen des Aufenthaltsbereichs einer Aufnahmeeinrichtung.

Auch Anam Soomro geht in ihrem Vortrag „A critical inquiry into freedom of movement: race, colonialsm and the making of international law“ der Frage nach, wie Rassifizierung und freie Mobilität zusammenhängen. Dabei untersucht sie unter Anderem die Vergabe von Visums, die zu einer Einschränkung der Mobilität führen kann. Soomro argumentiert, dass die Einreise, der Aufenthalt und Durchreise eines fremden Landes unmittelbar mit dem eigenen Reisepass/ Rassifizierung zusammenhängt (s. Einreiseverfahren unter Trump).  Tatsächlich werden weiße Menschen selten in einem negativen Kontext als Fremde gesehen und weiße Menschen sehen selten als Fremde, sondern kulturelle Individuen, die die Welt uneingeschränkt und stets willkommend erkunden können (extrema: Sextourismus, Backpacker-Touristen mit Vietnam-Kambotscha-Laos Reiseführern).

Interessant finde ich dazu die Arbeit der Anthropologin Jana Binder, die sechs Leitsprüche des Rucksacktourimus‘ im 21. Jahrhundert identifziert und analysiert hat. Das Motiv „Go whereever you want“ unterstreicht das Ziel der Backpacker Grenzen überwinden zu wollen. So beschreibt Baron, dass, laut Binder, Backpacker „dank ihres meist priviligierten ökonomisch-kulturellen Hintergrunds die Möglichkeit haben, formal existierende Grenzen mehr oder weniger ungehindert zu überwinden. Das Überwinden von Grenzen bekommt dadurch eine positive Bedeutung. Dadurch bekommen Grenzen, Nationalismus und Routen eine ganz andere Bedeutung für diesen Alternativtourismus.“ Die Frage lautet dann: Wie kann man auf einer globalen Skala über Rassismus reden?

Es gab viele weitere Denkanstöße im Laufe des Tages:

  1. Inwiefern ähneln sich Diskriminierungserfahrungen von People of Color/ weißen Menschen und Westdeutschen/Ostdeutschen in Deutschland?
  2. Was ist der Unterschied zwischen Rassismus und Race?
  3. Kettenduldung in Frankreich und Deutschland
  4. Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Post-Holocaust und Post-Kolonialismus?

(3) MeToo-Demonstration Berlin

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(c) metoo berlin

Ende Oktober fand die #metoo Demonstration statt. Beim offenen Treffen wurden Organisation und Forderungen von #metoo berlin besprochen. Ich habe die Thematik Asia Fetisch thematisiert und war überrascht, dass ich mich nicht selbsterklären musste, sondern gutes Feedback bekam. Es hat Spaß gemacht mit extrem engagierten Frauen* zusammenzuarbeiten. Die Redebeiträge auf der Demo waren teilweise sehr intim, aber gleichzeitig von der Message/ Wut/ Enttäuschung universell. Die Forderungen haben wir gemeinsam verfasst und so fand der Begriff (deutsch)-asiatische Menschen sein Debüt in der linken Berliner Szene.

Alle FrauenLesbenTrans*Inter*Personen (FLTI*) sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Gleichzeitig variiert jedoch die konkrete Erfahrung. Diskriminierung aufgrund von geschlechtlicher Zuschreibung, Sexualität, rassistischer Zuschreibung, Religion, (Nicht-)Behinderung und sozialer Stellung überlagern sich auch in diesem Bereich. Das zeigt sich beispielsweise bei beHinderten Personen, denen häufig die Selbstbestimmung über ihre Sexualität abgesprochen wird. Im Falle sexualisierter Übergriffe ist es für sie daher besonders schwierig, Gehör und Unterstützung zu finden. Sexismus und Rassismus treffen zusammen wenn beispielsweise (deutsch-) asiatische FLTI*Personen in übersexualisierter Weise dargestellt werden. Oft wird ihnen dabei eine besondere Unterwürfigkeit unterstellt. Das geht gar nicht! Feminismus muss antirassistisch sein!

Oft werde ich mit der Frage konfrontiert, warum ich identitätspolitisch arbeite. Ich frage mich dann, wie ich sonst arbeiten soll. Mir ist bewusst, dass sich wahrscheinlich wenige Menschen mit dem Begriff „Deutsche Asiat_innen“ identifizieren oder sogar mit People of Color. Allerdings ist genau die Unsichtbarkeit bestimmter Gruppen ein Problem, wo ein Diskurs nur durch die Sichtbarmachung von z.B. Deutschen Asiat_innen/ asiatischen Deutschen, asiatisch gelesene Menschen etc. etc. angetrieben werden kann. Ich habe den Begriff Deutsch-Asiaten gewählt, weil dieser, wie „Deutsch-Türken“, bereits in den deutschen Medien vorkommt. Ich finde es nicht notwendig neue Termina zu erfinden, mir ist es nicht wichtig als „Deutsche“ gesehen zu werden, sondern als ein Mensch, der nicht wegen seines Aussehens exotisiert und verfremdet wird. Wir leben nicht in einer post- rassistischen Gesellschaft. Stattdessen möchte ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass kein Begriff einer ultimativen Beschreibung von komplexen Individuen gerecht werden kann.

(4) Track des Monats

Einfach mal . . . Nichts. Sein.

 

 

 

krach saves the world

 

„Mir ist alles viel zu leise. Mir ist alles viel zu laut. Mir ist alles viel zu leise.“

 

Im Jahre 2005 erscheint ein Artikel über das Album Congotronics von der kongolesischen Band Konono No. 1 unter dem Titel  Post-Colonial Electronica von Andy Pemberton. Die Band besteht aus zwölf Menschen und macht Musik mit „kuriosen, Kinderspielzeug ähnlichen Instrumenten, die Klänge jenseits unserer Vorstellungen erzeugen.“ Um den dröhnenden Straßenlärm in Kongo zu übertönen, so schreibt Pemberton, kombinieren sie traditional trance music, die mitsamt der Likembes (thumb pianos) über Mikrophone aus den Magneten von Auto-Alternatoren und Musikboxen, die von belgischen Kolonisten 1960 zurückgelassen wurden, verstärkt werden. Die „brüllende Resonanz“, die dieses Lo-Fi- Musiksystem produziert, wird in polyrhythmisches Trommeln und call-and-response chanting eingearbeitet, um ein „brutales, neo-traditionelles Genre“ zu entwickeln, welches von Musiker_innen in Kinshasa als tradi-moderne bezeichnet wird. Vincent Kenis, beligischer Musiker und Musikproduzent, hat Konono No.1 erstmals 1980 auf einem französischen Radiosender gehört. 2002 macht er sich auf die Suche nach der Band und zwei Jahre später startet er die Congotronics – Serie, welche elektro-traditionelle Musik aus Kinshasa popularisieren sollte. In Zusammenarbeit mit Konono No. 1 erscheinen Congotronics (2005), Live at Coleur (2007) und Assume Crash Position (2010). Kenis beobachtet ein steigendes Interesse an diesem Genre, obwohl „afrikanische Musik“ von der westlichen Welt wenig Aufmerksamkeit erregte und betont:“African music is not only pretty voices made in Europe and America. It can also be very violent and very special and very inventive.“

Genres, wie industrial, industrial techno und Lo-Fi music zeichnen sich durch die Verwendung Krach-basierter Materialien aus. Auch tradi-moderne lässt sich mit ihren dröhnenden Sounds der Noise music unterordnen. Musiktheoretiker Torben Sangild erklärt, dass es keine übergreifende Definition von Noise music gibt. Stattdessen kann Noise music aus drei verschiedenen Blickwinkeln gesehen werden: (1) die musikalisch-akustische Definition, (2) die kommunikative Definition (ein kommunikatives Signal wird durch Krach gestört) und (3) die subjektive Definition (Bsp.: Krach für die eine Person, ist Musik für den anderen, als zuvor Krach definierte Töne, gelten heute als Musik). Krach in der Musik kann deswegen als Neuentwicklung/-verwendung/-definition von Klängen gesehen werden. Auch Congotronics erreicht mit dem Zusammenspiel von „alten und neuen“ Klängen eine Redefinition afrikanischer Musik.

Krach

In seinem Buch Noise: A Political Economy of Music (1977) schreibt Jacques Attali: [Music’s] order simulates the social order, and its dissonances express marginalities.” Auch Marie Thompson schreibt, dass Krach mehr ist als nur ein ungewollter Sound und untersucht in Beyond Unwanted Sound: Noise, Affect and Aesthetic Moralism das Konzept des Krachs in Anlehnung an das Nietzschianische Jenseits. Es beschreibt eine Rückkehr in die vormoralische Zeit, in der Handlungen nicht nach ihrer Absicht, sondern nach ihrer Wirkung beurteilt wurden. Thompson widmet sich demnach der Frage, wie Krach jenseits der damit verbundenen Assoziationen als etwas Störendes und Ungewolltes in verschiedenen (kulturellen) Zusammenhängen kontextualisiert werden kann. Krach/ Stille – Laut sein/ schweigen – stören/ harmonisieren. Ganz nach dem Zitat von Attali sind es die Marginalisierten der Gesellschaft, die Krach machen müssen, um gehört zu werden. Sie bilden die Dissonanz, die die vermeintliche Harmonie der Gesellschaft stört und in Frage stellt. Krach wird zum politischen Akt.

Ungewollte Klänge durchbrechen auch in der Musikwelt bestehende Dichotomien: high/low art, authentische/unpersönliche Musik, Melodie/Missklang und neu/alt. Besonders elektronische Musik ermöglicht den Produzent_innen als auch den Konsumenten besondere Freiheiten. Das Samplen verleiht der Produktion eine Intertextualität, wo bereits existente Vocals, Melodien, Beats, Klänge, Texte neu definiert und in einem neuen Kontext verwendet werden. Passagen werden wiederholt, neu zusammengeschnitten, der Pitch wird erhöht, Ton-Ebenen werden überlagert.

In Statement of Purpose: Zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Inhalte in japanischer elektronischer Musik untersucht Terre Theamlitz das GLOBULE-Manifest des Labels Non-Standard, Monad von Haruomi Hosono, Mitglied des Yellow Magic Orchestra, und kommt zu dem Ergebnis, dass dieses Manifest als ein fundamentales Element der Identitätskonstruktion in japanischer elektronischer Musik gelten kann. Identität wird demnach als „Körper von Komponenten, der „in der Mitte von allem existiert, in einem sehr vieldeutigen Bereich“ gesehen und ist  „[d]urch die Grenzen der eigenen kulturellen Visionen und Kommunikationsfähigkeiten gleichermaßen gebunden und fließend.“ Die gesellschaftliche Bewegung lässt sich dadurch nur auf die Ablehnung von Eindeutigkeit (des Genres, der Identität) reduzieren, welche sich jeglichen Kategorisierungen entgegenstellt. Das Streben nach einer fluiden Identität enthüllt sich als eine Taktik, die bestehende Barrieren überwinden möchte.

Tanzen

Der Körper ist stets ein fokaler Punkt von Identitätskonstruktionen und somit auch Ausgangspunkt von Diskriminierungen und Fiktionalisierungen. Der fortschreitende Schwund „organischer Körperlichkeiten“ in der Produktion, erlaubt eine Dissoziation menschlicher Identität von elektro-produzierter Musik. Der eigene Körper als größte Hürde von persönlicher und gesellschaftlicher Akzeptanz verliert in den abgedunkelten Räumen der Elektro-Parties an Bedeutung. Der Körper ist nicht schwarz, weiß, farbig, männlich, weiblich, trans –  sondern tanzt:  „Der tanzende Körper wird in eine punktelle Lichterscheinung aufgelöst. Seine momenthafte Existenz im Raum/ Monitor wird nur dann bestätigt, wenn er von Lichtbünderln getroffen wird […]. Die Tanzenden stehen nicht mehr frontal zu den Bildern und Projektionen, sondern sind ein Teil von ihnen.“ Birgit Richard beschreibt den Tanz der Techno-Szene als einen Ausdauertanz, ein Mischtanz, der Gesten aus verschiedenen kulturellen Kreisen sampled, wie in der Musik. Der erste reine Club-Tanzstil wurde von englischen Mods für Jazz- und Soulmusik entwickelt, der bereits charakteristische Drehungen und Schleifen mit den Händen aufweist, welche sich später auch in den Bewegungen zu House- und Technomusik zeigen. Spiralförmige Armbewegungen und Verdrehungen der Handflächen stehen im Gegensatz zur europäischen Tanztradition, in der die Arme als stabilisierendes Element dienen (z.B. Ballet). Es gilt den Körper nicht als etwas konkretes, materielles, geschlechtliches zu sehen, sondern als einen Zusammenschluss überschreitender Identitäten. Der Körper soll „ent-glamourisiert werden.“

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Nichtsdestotrotz herrschen auch in der electronischen Musik-Szene/Kultur patriarchale Strukturen. Es gibt mehr Produzenten als Produzent_innen. Booking Agenturen sind auf  männliche, weiße, heterosexuelle DJs fixiert, die aus diesem Grund auch besser verdienen. Dennoch gibt es Projekte, die diesen Strukturen laut und deutlich entgegenstreben wollen, wie zum Beispiel Discwomen in New York und Equaliser in Leeds, die eine Plattform für queere, non-binäre Frauen* bieten und sich für die Gleichberechtigung aller Produzenten und Produzent_innen/ DJs einsetzen. Mit der Congotronics-Serie und der Intertextualität elektronischer Musik wurde gezeigt, dass neue Musik  geschichtliche Hintergründe haben kann, die „Altes“ und Vergangenes in neuen Zusammenhängen kontextualisiert und auch hinterfragt: Was ist Musik? Was ist Harmonie? Was ist noise? Krach hat viele Definitionen. Aber vor allem hat Krach hier die Funktion etwas zu bewegen.

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Literatur

Pemberton, Andy (2005): „Post-Colonial Electronica.“

Attali, , Jacques (1977): Noise: A Political Economy of Music.

Thompson, Marie (2017): Beyond Unwanted Sound: Noise, Affect and Aesthetic Moralism.

Richard, Birgit (2005): „DJ-Jane Kicks und Acid Chicks. Musikalische Ekstasen und Formationen der Körper“. In: Gendertronics. Der Körper in der elektronischen Musik.

Thaemlitz, Terre(2005): „Statement of Purpose. Zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Inhalte in japanischer elektronischer Musik“. In: Gendertronics. Der Körper in der elektronischen Musik.

Holert, Tom(2005): „Star-Schnittstelle. Glamour und eletronische Popkultur“. In: Gendertronics. Der Körper in der elektronischen Musik.

Wikipedia: Noise music, Vincent Kenis

„Mir ist alles viel zu leise. Mir ist alles viel zu laut.“ von Malte Schlösser

Gastbeitrag #1: Aus dem Alltag

 

Letztens unterhielt ich mich mit jemandem, der hier geboren und aufgewachsen ist. Ich bin woanders geboren und zum Teil hier aufgewachsen. Also erzählte ich ihm davon, dass ich mich weder zum einen noch zum anderen zugehörig fühle. Ich sagte ihm, dass sich meine Identität anfühlt, als sei sie unvollständig, ein diffuses Gefühl von mehreren Puzzleteilen, die nicht zueinander passen. Ein omnipräsentes Gefühl von Erklärungsnot, fehlender Selbstakzeptanz und ein bisschen Scham. Ich beteuerte ihm, dass ich nichts von nationalistischem Bewusstsein halte, aber dass ich gerne mehr Konsistenz in meiner Biographie hätte. Dass es nervt, als „exotisch“ zu gelten oder unter „unkonventionellen“ Lebensbedingungen aufgewachsen zu sein. Nicht, weil ich konservativ bin, sondern weil ich in einer konservativen Gesellschaft lebe, in der ich alles erklären muss, was von der Norm abweicht. Eine unbequeme Lebensrealität. Er antwortete: „Ich fühle mich auch nirgends zuhause. Ich könnte jedes Wochenende woanders hinreisen.“ Er sagte abschließend: „Am Freitag fahre ich beispielsweise wieder nach München zu meinen Eltern“. Schweigepause.

 Letztens wurde ich als „Kartoffel“ bezeichnet. Ich sei doch „genauso Kartoffel, wie jede andere Person in Deutschland auch“. Weil ich mich hier doch so gut eingefunden habe. Weil ich die Sprache so gut spreche. Weil ich doch so viele Freunde hier habe. Damit hatte er Recht. Trotzdem sträubte es mich am Gedanken an die Kartoffel-Metaphorik. Nicht, weil ich den Begriff als übermäßige Beleidigung empfunden habe und auch nicht, weil ich meine Angepasstheit in einer Gesellschaft leugne. Es ist viel mehr die menschliche Angewohnheit, mich kategorisieren zu wollen, die mich stört. Wenn ich kein Ausländer bin, dann kann ich nur Kartoffeln sein. Ich will keine Lorbeeren dafür, dass ich den meisten nicht als andersartig auffalle. Dass ich nun als der ihre anerkannt werde, bringt mir einen Scheiß. Ich bin nicht Teil von ihnen. Ich bin weder noch.

 Letztens wurde ich gefragt, ob ich mich als „People of Colour“ fühle. Ich sagte, „teils, teils“. Teils ja, denn ich habe diskriminierende Erfahrungen gemacht. Alltägliche und institutionelle Rassismen sind Teil meiner Lebensrealität. Ich kann mich also gut mit einem Konzept identifizieren, welches diese sichtbar machen will. Aber dass ich damit Nutznießerin einer lang umkämpften Bewegung bin, welche ursprünglich die schwarze Bevölkerung empowern wollte, macht mich stutzig. Der Begriff unterliegt einer Dichotomie von Weiß und Nicht-Weiß, in der ich mich nicht wirklich wiederfinden kann. Wenn man weder schwarz noch weiß ist, was ist man dann? Darf ich mich als PoC labeln? Will ich mich überhaupt labeln?- Zumindest die letzte Frage kann ich beantworten: Nein.

Anonym

Geister unserer Gesellschaft

Integration? Assimilation? Ich-sein? – Postkoloniale Sichtweisen 

Im Mai 2017 erschien die Dokumentation „Chinese oder Italiener“ auf arte. In den 90er Jahren kamen die ersten Chinesen von der Provinz Winzhou nach Prato, einer kleinen Stadt in der Nähe von Florenz. Mit 50.000 Menschen ist die chinesische Gemeinde in Prato die drittgrößte nach London und Paris. Jeder fünfte Mensch in Prato gehört dieser Gemeinde an, darunter sind 6000 unter achtzehn. In der Doku geht es  größtenteils um die Schüler und Schülerinnen der chinesischen Wochenendschule, dort sollen die Kinder der chinesischen Immigranten zurück zu ihren „Wurzeln“ finden. Im Laufe der Dokumentation werden die Jugendlichen  gefragt, ob sie sich eher italienisch oder chinesisch fühlen:

  1. „Halb-halb.“
  2. „Italienisch.“ Warum? „Ich bin  hier geboren, kann besser italienisch als chinesisch.“
  3. „Ich fühle mich beidem verbunden. Ich bin Chinese, bin aber hier in Italien geboren.“

In Kontrast zu ihren Eltern würden sich die Kinder der chinesischen Immigranten mehrere kulturelle Identitäten zuschreiben und die meisten bestehen darauf, dass sie als Italiener_innen gesehen werden. Die wenigsten haben China mehr als dreimal besucht. Tatsächlich beantragen nur wenige in Italien lebenden Chinesen die Staatsbürgerschaft. Von allen Migranten, die 2015 die italienische Staatsbürgerschaft beantragt haben, waren nur 1% Chinesen. Dennoch erfahren Chinesen, die die italienische Staatsbürgerschaft besitzen, Diskriminierung. Als größte Barriere zur vollständigen Zugehörigkeit erübrigt sich letztendlich der Körper, das Erscheinungsbild:

  • „Du kennst mich doch schon lange. Findest du mein Charakter eher westlich oder chinesisch?“
  • „Du hast einen einfachen Charakter, du bist eher westlich.“
  • „Aber körperlich gesehen bin ich doch chinesisch.“
  • „Naja, wie eine aus dem Westen siehst du nicht gerade aus.“

Eine Schülerin beschreibt wie sie in der Schule als „kleine Asiatin“ gehänselt wurde, die „Zerrissenheit“ zwischen zwei Kulturen, die Tatsache, dass weder ihre Eltern, noch die Gesellschaft ihr Italienisch-sein anerkennen. Der Körper ist der ständige Bezugspunkt, wenn es um die Identitätszuschreibung geht – als hätte man die Herkunftsgeschichte mitsamt der Nase und der großen Füße von seinen Eltern geerbt. Wie soll man damit umgehen, wenn man einer ständigen Fremdzuschreibung und Stereotypsierung unterliegt?

Fremd/Eigenwahrnehmung: Ein Konflikt

Im Roman The Woman Warrior (1976) von Maxine Hong Kingston beschreibt die Protagonistin die Schwierigkeiten mit ihrer eigenen Identitätsentwicklung als Kind chinesischer Immigranten in den USA, die Unsichtbarkeit der chinesischen Community und die kulturellen Minderwertigkeitskomplexe gegenüber anderen Ethnizitäten.

Die immer wieder auftretende Frage nach dem Selbst und die Abneigung sich mit der von der Gesellschaft zugeschriebenen Identität identifizieren zu müssen, werden von der Protagonistin immer wieder aufgegriffen. Interessanterweise hat Kingston eine fantastische Erzählweise (oder genauer eine Erzählung im Stil des magical realism) gewählt: Die Geschichte wird mittels einer chinesischen Fabel erzählt, was oft als „Selbstorientalisierung“ kritisiert wurde, insbesondere von Frank Chin. Dennoch handelt es sich hier vielmehr um eine Neuerzählung einer von der Gesellschaft zugeschriebenen Autobiographie, die sie versucht für sich selbst zu rekonstruieren und letztendlich zu verstehen.

Besonders im letzten Kapitel  „A Song for a Barbarian Reed Pipe“ offenbart sich die Verachtung des eigenen „asiatischen Körpers“, das von der westlichen Welt als zerbrechlich und unterlegen definiert wurde, und der eigenen Stummheit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Die Protagonistin mobbt eine Klassenkameradin, ebenfalls Kind chinesischer Einwanderer, und zwingt sie zum Reden. Sie sträubt sich allerdings davor zu sprechen:

  • „I’m going to make you talk, you sissy girl.“ […] I looked at her face so I could hate it close up. She wore bangs, and her cheeks were pink and white. She was baby soft. I thought that I could put my thumb on her nose and push it bonelessly in, indent her face. […] I  did not want to look at her face anymore; I hated fragility. I walked around her, looked her up and down the way the Mexican and Negro girls did when they fought, so tough.“ (209)
  • „Her neatness bothered me. I hated the way she folded the wax paper from her lunch; she did not wad her brown-paper bag and her school papers. I hated her clothes —  the blue pastel cardigan, the whote blouse with the collar that lay flat over the cardigan […] I hated pastels, I would always wear black.“ (210)
  • I hated her weak neck, the way it did not support her head but let it droop; her head would fall backwards […] I wanted a stout neck. I grew my hair long to hide it in case it was a flower-stem neck. […] I wanted tough skin, hard brown skin. I have callused my hands, I had scratched dirt to blacken the nails, which cut straight across to make stubby fingers.
  • „I could see her tiny white teeth, baby teeth. I wanted to grow big strong yellow teeth.“
  • „I don’t like you. I don’t like the weak little toots you make on your flute. Wheeze. Wheeze. I don’t like the way you don’t swing at the ball. I don’t like the way you’re the last one chosen. […] Come on. Get tough. Come on. Throw fists.“ (212)
  • „Do you wan’t to be like this, dumb (do you know what dumb means?), your whole life? Don’t you ever want to be a cheerleader? Or a pompom girl?“
  • „If you don’t talk, you can’t have a personality. You’ve got to let people know you have a personality and a brain.“ (214)

Asiatische Mädchen/ Frauen sind introvertiert,unterwürfig und zerbrechlich. Sie sind nicht „tough“. Sie verachtet ihre Klassenkameradin, die genau diese Stereotypen verkörpert. Stattdessen möchte die Protagonistin laut sein, große, gelbe Zähne haben, angsterregend sein. Ihre Klassenkameradin ist ein Manifest ihrer eigenen Stummheit und Hilflosigkeit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Sie hat Angst diesen Stereotypen gerecht zu werden und wünscht sich deswegen zu sein wie die „Weißen“, die „Schwarzen“, die „Mexikaner“; es ist eine Bekenntnis, dass sie sich in ihrem „Asiatischen Körper“ minderwertig fühlt. Die Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung sind im ständigen Konflikt. Durch falscher oder nicht vorhandener Repräsentation der asiatischen (chinesischen, japanischen, vietnamesischen, indischen…etc) Kultur in der Gesellschaft entsteht eine Identitätsentwicklung, in der die Herkunftskultur zunächst weniger bedeutungsvoll/ wichtig empfunden wird als die Kultur der Mehrheitsgesellschaft.

Schwarze Haut, weiße Masken

In Schwarze Haut, weiße Masken (1852) beschreibt Frantz Fanon das Gefühl der Unvollkommenheit des Ichs und die Abhängigkeit des schwarzen Individuums vom Kolonialisten. Das schwarze Individuum ist losgelöst von seiner „herkömmlichen Kultur“ und versucht die Kultur des Kolonialisten zu imitieren. Bei erfolgreicher Imitation (Beherrschung der Sprache, guter akademischer Werdegang, angesehene Arbeit) erlangt des schwarze Individuum einen gewissen Status in der Gesellschaft des Kolonialisten, diese trägt dazu bei, dass er/sie anerkannt wird. Das schwarze Individiuum trägt nun eine weiße Maske.

Ähnliches lässt sich auch bei Integrationsfragen beobachten. Menschen mit Migrationshintergund, die ein „erfolgreiches“ Leben führen, werden als Beispiele guter Integration gesehen. Die „weiße Maske“ wird den Immigranten aufgezwungen, Erfolg lässt sich nur an der Maske messen. Ein passendes Beispiel ist dieser Artikel von Phillip Nagels:

Wie sich diese Frau gegen Ausgrenzung und Alltagsrassismus durchsetzte

(Dieser Artikel soll in einem weiteren Beitrag genauer diskutiert werden.)

Das Ich-sein

Die Schüler und Schülerinnen der chinesischen Sonntagsschule in Prato schreiben sich mehrere kulturelle Identitäten zu, werden aber von ihren Eltern und weißen Italiener_innen nicht als solche gesehen. Die Protagonistin in Woman Warrior streubt sich gegen den „asiatischen Körper“. Sophie Chung, als „asiatisches Subjekt“ wird erst nach erfolgreicher Überwindung rassistischer und patriarchaler Barrieren sichtbar und akzeptiert. Ideen über Identitäten sitzen im Fleisch. Sie sind nicht zu trennen und können deshalb nicht aufgegeben oder verleugnet werden.  Das Weißsein als unsichtbar herrschende Normalität setzt die Norm. Dieser Eurozentrismus beeinflusst Fragen über Integration, Zugehörigkeit und kulturelle Identität, in der die westliche Kultur dominiert. Es ist deswegen notwendig Glaubensgrundsätze zu hinterfragen (was ist eine „gute“ Erziehung? Was ist „Kultur“, was ist „primitiv?“) und Gelerntes zu rekapitulieren (Geschichtsunterricht: z.B. Kolumbus). Wer sind die Geister unserer Gesellschaft…?

Literatur 

Kingston, Maxine Hong (2015): Woman Warrior. Picador Classic.

Fanon, Frantz (1952): Schwarze Haut, weiße Masken. 

Lorey, Isabelle (1998): „Dekonstruierte Identitätspolitik. Zum Verhältnis von Theorie, Praxis und.“ In: Antje Hornscheid; Gabriele Jöhnert; Annette Schlichter (Hg.) Zum Verhältns von Feminisms und Postmoderne. Westdeutscher Verlag.

Link zur Doku: Italiener oder Chinese?