Geister unserer Gesellschaft

Integration? Assimilation? Ich-sein? – Postkoloniale Sichtweisen 

Im Mai 2017 erschien die Dokumentation „Chinese oder Italiener“ auf arte. In den 90er Jahren kamen die ersten Chinesen von der Provinz Winzhou nach Prato, einer kleinen Stadt in der Nähe von Florenz. Mit 50.000 Menschen ist die chinesische Gemeinde in Prato die drittgrößte nach London und Paris. Jeder fünfte Mensch in Prato gehört dieser Gemeinde an, darunter sind 6000 unter achtzehn. In der Doku geht es  größtenteils um die Schüler und Schülerinnen der chinesischen Wochenendschule, dort sollen die Kinder der chinesischen Immigranten zurück zu ihren „Wurzeln“ finden. Im Laufe der Dokumentation werden die Jugendlichen  gefragt, ob sie sich eher italienisch oder chinesisch fühlen:

  1. „Halb-halb.“
  2. „Italienisch.“ Warum? „Ich bin  hier geboren, kann besser italienisch als chinesisch.“
  3. „Ich fühle mich beidem verbunden. Ich bin Chinese, bin aber hier in Italien geboren.“

In Kontrast zu ihren Eltern würden sich die Kinder der chinesischen Immigranten mehrere kulturelle Identitäten zuschreiben und die meisten bestehen darauf, dass sie als Italiener_innen gesehen werden. Die wenigsten haben China mehr als dreimal besucht. Tatsächlich beantragen nur wenige in Italien lebenden Chinesen die Staatsbürgerschaft. Von allen Migranten, die 2015 die italienische Staatsbürgerschaft beantragt haben, waren nur 1% Chinesen. Dennoch erfahren Chinesen, die die italienische Staatsbürgerschaft besitzen, Diskriminierung. Als größte Barriere zur vollständigen Zugehörigkeit erübrigt sich letztendlich der Körper, das Erscheinungsbild:

  • „Du kennst mich doch schon lange. Findest du mein Charakter eher westlich oder chinesisch?“
  • „Du hast einen einfachen Charakter, du bist eher westlich.“
  • „Aber körperlich gesehen bin ich doch chinesisch.“
  • „Naja, wie eine aus dem Westen siehst du nicht gerade aus.“

Eine Schülerin beschreibt wie sie in der Schule als „kleine Asiatin“ gehänselt wurde, die „Zerrissenheit“ zwischen zwei Kulturen, die Tatsache, dass weder ihre Eltern, noch die Gesellschaft ihr Italienisch-sein anerkennen. Der Körper ist der ständige Bezugspunkt, wenn es um die Identitätszuschreibung geht – als hätte man die Herkunftsgeschichte mitsamt der Nase und der großen Füße von seinen Eltern geerbt. Wie soll man damit umgehen, wenn man einer ständigen Fremdzuschreibung und Stereotypsierung unterliegt?

Fremd/Eigenwahrnehmung: Ein Konflikt

Im Roman The Woman Warrior (1976) von Maxine Hong Kingston beschreibt die Protagonistin die Schwierigkeiten mit ihrer eigenen Identitätsentwicklung als Kind chinesischer Immigranten in den USA, die Unsichtbarkeit der chinesischen Community und die kulturellen Minderwertigkeitskomplexe gegenüber anderen Ethnizitäten.

Die immer wieder auftretende Frage nach dem Selbst und die Abneigung sich mit der von der Gesellschaft zugeschriebenen Identität identifizieren zu müssen, werden von der Protagonistin immer wieder aufgegriffen. Interessanterweise hat Kingston eine fantastische Erzählweise (oder genauer eine Erzählung im Stil des magical realism) gewählt: Die Geschichte wird mittels einer chinesischen Fabel erzählt, was oft als „Selbstorientalisierung“ kritisiert wurde, insbesondere von Frank Chin. Dennoch handelt es sich hier vielmehr um eine Neuerzählung einer von der Gesellschaft zugeschriebenen Autobiographie, die sie versucht für sich selbst zu rekonstruieren und letztendlich zu verstehen.

Besonders im letzten Kapitel  „A Song for a Barbarian Reed Pipe“ offenbart sich die Verachtung des eigenen „asiatischen Körpers“, das von der westlichen Welt als zerbrechlich und unterlegen definiert wurde, und der eigenen Stummheit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Die Protagonistin mobbt eine Klassenkameradin, ebenfalls Kind chinesischer Einwanderer, und zwingt sie zum Reden. Sie sträubt sich allerdings davor zu sprechen:

  • „I’m going to make you talk, you sissy girl.“ […] I looked at her face so I could hate it close up. She wore bangs, and her cheeks were pink and white. She was baby soft. I thought that I could put my thumb on her nose and push it bonelessly in, indent her face. […] I  did not want to look at her face anymore; I hated fragility. I walked around her, looked her up and down the way the Mexican and Negro girls did when they fought, so tough.“ (209)
  • „Her neatness bothered me. I hated the way she folded the wax paper from her lunch; she did not wad her brown-paper bag and her school papers. I hated her clothes —  the blue pastel cardigan, the whote blouse with the collar that lay flat over the cardigan […] I hated pastels, I would always wear black.“ (210)
  • I hated her weak neck, the way it did not support her head but let it droop; her head would fall backwards […] I wanted a stout neck. I grew my hair long to hide it in case it was a flower-stem neck. […] I wanted tough skin, hard brown skin. I have callused my hands, I had scratched dirt to blacken the nails, which cut straight across to make stubby fingers.
  • „I could see her tiny white teeth, baby teeth. I wanted to grow big strong yellow teeth.“
  • „I don’t like you. I don’t like the weak little toots you make on your flute. Wheeze. Wheeze. I don’t like the way you don’t swing at the ball. I don’t like the way you’re the last one chosen. […] Come on. Get tough. Come on. Throw fists.“ (212)
  • „Do you wan’t to be like this, dumb (do you know what dumb means?), your whole life? Don’t you ever want to be a cheerleader? Or a pompom girl?“
  • „If you don’t talk, you can’t have a personality. You’ve got to let people know you have a personality and a brain.“ (214)

Asiatische Mädchen/ Frauen sind introvertiert,unterwürfig und zerbrechlich. Sie sind nicht „tough“. Sie verachtet ihre Klassenkameradin, die genau diese Stereotypen verkörpert. Stattdessen möchte die Protagonistin laut sein, große, gelbe Zähne haben, angsterregend sein. Ihre Klassenkameradin ist ein Manifest ihrer eigenen Stummheit und Hilflosigkeit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Sie hat Angst diesen Stereotypen gerecht zu werden und wünscht sich deswegen zu sein wie die „Weißen“, die „Schwarzen“, die „Mexikaner“; es ist eine Bekenntnis, dass sie sich in ihrem „Asiatischen Körper“ minderwertig fühlt. Die Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung sind im ständigen Konflikt. Durch falscher oder nicht vorhandener Repräsentation der asiatischen (chinesischen, japanischen, vietnamesischen, indischen…etc) Kultur in der Gesellschaft entsteht eine Identitätsentwicklung, in der die Herkunftskultur zunächst weniger bedeutungsvoll/ wichtig empfunden wird als die Kultur der Mehrheitsgesellschaft.

Schwarze Haut, weiße Masken

In Schwarze Haut, weiße Masken (1852) beschreibt Frantz Fanon das Gefühl der Unvollkommenheit des Ichs und die Abhängigkeit des schwarzen Individuums vom Kolonialisten. Das schwarze Individuum ist losgelöst von seiner „herkömmlichen Kultur“ und versucht die Kultur des Kolonialisten zu imitieren. Bei erfolgreicher Imitation (Beherrschung der Sprache, guter akademischer Werdegang, angesehene Arbeit) erlangt des schwarze Individuum einen gewissen Status in der Gesellschaft des Kolonialisten, diese trägt dazu bei, dass er/sie anerkannt wird. Das schwarze Individiuum trägt nun eine weiße Maske.

Ähnliches lässt sich auch bei Integrationsfragen beobachten. Menschen mit Migrationshintergund, die ein „erfolgreiches“ Leben führen, werden als Beispiele guter Integration gesehen. Die „weiße Maske“ wird den Immigranten aufgezwungen, Erfolg lässt sich nur an der Maske messen. Ein passendes Beispiel ist dieser Artikel von Phillip Nagels:

Wie sich diese Frau gegen Ausgrenzung und Alltagsrassismus durchsetzte

(Dieser Artikel soll in einem weiteren Beitrag genauer diskutiert werden.)

Das Ich-sein

Die Schüler und Schülerinnen der chinesischen Sonntagsschule in Prato schreiben sich mehrere kulturelle Identitäten zu, werden aber von ihren Eltern und weißen Italiener_innen nicht als solche gesehen. Die Protagonistin in Woman Warrior streubt sich gegen den „asiatischen Körper“. Sophie Chung, als „asiatisches Subjekt“ wird erst nach erfolgreicher Überwindung rassistischer und patriarchaler Barrieren sichtbar und akzeptiert. Ideen über Identitäten sitzen im Fleisch. Sie sind nicht zu trennen und können deshalb nicht aufgegeben oder verleugnet werden.  Das Weißsein als unsichtbar herrschende Normalität setzt die Norm. Dieser Eurozentrismus beeinflusst Fragen über Integration, Zugehörigkeit und kulturelle Identität, in der die westliche Kultur dominiert. Es ist deswegen notwendig Glaubensgrundsätze zu hinterfragen (was ist eine „gute“ Erziehung? Was ist „Kultur“, was ist „primitiv?“) und Gelerntes zu rekapitulieren (Geschichtsunterricht: z.B. Kolumbus). Wer sind die Geister unserer Gesellschaft…?

Literatur 

Kingston, Maxine Hong (2015): Woman Warrior. Picador Classic.

Fanon, Frantz (1952): Schwarze Haut, weiße Masken. 

Lorey, Isabelle (1998): „Dekonstruierte Identitätspolitik. Zum Verhältnis von Theorie, Praxis und.“ In: Antje Hornscheid; Gabriele Jöhnert; Annette Schlichter (Hg.) Zum Verhältns von Feminisms und Postmoderne. Westdeutscher Verlag.

Link zur Doku: Italiener oder Chinese?

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