Rückblick: Oktober

Oktober war einmal.

Hier ein Überblick zu den Events, Gedanken und Tracks der letzten Wochen:

(1) Asian Film Festival Berlin:

Mobile bodies – Local bodies – Queer bodies. Das Asian Film Festival fand Anfang Oktober im Ballhaus Naunyn Berlin statt. Unter dem Event-Titel Busy Bodies gab es ein 1-wöchiges Programm mit Filmen, Prodiumsdiskussionen und Performances.  Für mich war vorallem der letzte Tag der Veranstaltung ausschlaggebend. Auf dem Programm stand  um 19 Uhr der Filmblock Vietnamese Diasporic Film Shorts. Zehn Minuten vor Beginn stolperte ich fast über die letzte Person in der Schlange – ca. 15 Meter von der Kasse entfernt. Letzendlich bekam ich noch einen Restplatz, betrat den brechend vollen Raum und war eigentlich schon fast gerührt von der riesigen  Menschenmasse, die Interesse an der Lebensrealität anderer europäischer Vietnames_innen haben oder sogar die eigene Lebensrealität und die Problematik des Andersseins in diesen Filmen wiederfinden wollten. Besonders bei den Asian Diasporic Film Shorts am zweiten Programmtag fand ich mich selbst in den Charakteren der Kurzfilme wieder und staunte wie intensiv die Auswirkung war asiatisch gelesene Menschen nonstereotypisiert auf einer großen Leinwand zu sehen, die obendrauf viele meiner Gedanken zu Verfremdung, Exotisierung und maßlose Erschöpfung reartikulieren konnten.

(2) Recht und Rassismus – Tagung vom Marc Bloch Centre

Mitte Oktober fand die Tagung Recht und Rassismus statt, die vom Marc Bloch Centre organisiert wurde. Während das Thema Recht und Rassismus im anglo-amerikanischen Kontext ausgiebig behandelt wird (s. z.B. Kimberé Crenshaw’s Begriff der Intersektionalität), fehlt es in Deutschland und Frankreich zu diesem Thema an Diskursen. Die Tagung thematisierte demnach inwieweit sich nationale und internationale Gesetze sich mit (Anti-)Rassismus auseinandersetzen oder anti-rassistisches Handeln auf legaler Ebene gewährleisten. Zusätzlich wurden Realitäten und Konzepte wie „Grenzen“, „Mobilität“ und „nationale Identität“ analysiert und diskutiert.

(1)

Hourya Bentouhami hat mit ihrem Vortrag >>“I am not a racist, but…“ Racist ideology in a post-racial era. A feminist perspective.<< einen kollektiven Nerv getroffen. Wie diskutiert man Rassismus in einer Gesellschaft, die sich selbst nicht als rassistisch sieht? Bentouhami argumentiert, dass eine Gesellschaft als rassistisch identifiziert werden kann, die sich selbst nicht als rassisistisch sieht. In einer selbsternannten post-rassistischen Zone gehören Race und Rassismus nicht mehr zum Alltag, sondern in die Vergangenheit. Deswegen müssen sich Minderheiten jedesmal auf’s Neue begründen, warum ihre Rassismusserfahrung universal ist. Gleichzeitig wird dir deine eigene Individualität durch Essentialismus aberkannt: „Es ist deine Community, die durch deinen Mund spricht.“

Die Aussage „Ich bin kein/e Rassist/_in, aber das Kopftuch…“ deutet mit seiner/ ihrer  eigenen Negation auf eine erzeugte Rationalisierung hin, die die eigene Angst als Rassist/ Rassist_in bezeichnet zu werden, bestätigt (Begriff Rationalisierung nach Kant).

Ganz nach Dubois‘ „The Souls of Black Folks“ sehen sich Minderheiten stehts durch die Augen anderer. Durch die Fremdzuschreibung als „Ausländer_in“ kommt es zu verschiedenen Abwägungen von Handlung und Habitus. Was ist die weiße Norm und wie nah bin ich dran? Charles Mills definiert im Sammelband  Race and Epistomology von Sullivan  den Begriff „benevolent white“/ „white ignorance“. Die Aussage „Ich sehe dich nicht als schwarze Person“ ist mit einer „tiefen Kolonialisierung des Geistes“ verbunden, in der die (Selbst-)razifizierung erst durch die Anerkennung weißer Menschen aufgehoben wird. In einer postkolonialen Era gibt es keine Kolonialisierung und die Nachwirkungen nur das „Problem“ der kolonialisierten Gesellschaften. Die Ideologie der Gleichberechtigung aller Mitglieder der Gesellschaft kommt hier besonders zum Ausdruck.

Bentouhami stellt ein Projekt in Frankreich (Toulouse?) vor, welche die Schließung einer Mittelschule, die größtenteils von rassifizierten Schüler/_innen besucht wird, vornehmen möchte, weil dies zu einer „Ghettoisierung“ führen könne. Ein Block von rassifizierten Menschen kann ohne weiße Menschen nicht zivilisiert sein. Zusätzlich wird ihnen die Individualität abgesprochen. Wenn man einem/einer schwarzen Geflüchteten Asyl gewährt, muss man seine/ihre ganze Familie/Community aufnehmen. Wenn Frauen ohne Männer unterwegs sind kommt die Frage: „Ladies, are you alone tonight?“ Razifitierte Menschen werden „vervielfacht“ gesehen und das „schwächere Geschlecht“ ist unvollständig, wenn kein Mann anwesend ist.

(2)

Laurence Meyer thematisiert in ihrer Kurzdoku „Migration Laws and the <White Savior Complex>: the regulation of migrants‘ intimacies in Germany and France“ die Übersentimentalisierung des „Flüchtlingsproblems“ und die Zurschaustellung der eigenen Hilfsbereitsschaft durch die Aufnahme von Geflüchteten. Die Tatsache, dass in der Realität nicht alle, sondern 1/3 der Geflüchteten nach Europa kommen, wird meistens untergraben. Es wird besonders auf die begrenzte Mobilität von Geflüchteten am Beispiel von einzelnen Paragraphen im Asylgesetz eingegangen: §55 Aufenthaltsgestattung, §56 Räumliche Beschränkung und §57 Verlassen des Aufenthaltsbereichs einer Aufnahmeeinrichtung.

Auch Anam Soomro geht in ihrem Vortrag „A critical inquiry into freedom of movement: race, colonialsm and the making of international law“ der Frage nach, wie Rassifizierung und freie Mobilität zusammenhängen. Dabei untersucht sie unter Anderem die Vergabe von Visums, die zu einer Einschränkung der Mobilität führen kann. Soomro argumentiert, dass die Einreise, der Aufenthalt und Durchreise eines fremden Landes unmittelbar mit dem eigenen Reisepass/ Rassifizierung zusammenhängt (s. Einreiseverfahren unter Trump).  Tatsächlich werden weiße Menschen selten in einem negativen Kontext als Fremde gesehen und weiße Menschen sehen selten als Fremde, sondern kulturelle Individuen, die die Welt uneingeschränkt und stets willkommend erkunden können (extrema: Sextourismus, Backpacker-Touristen mit Vietnam-Kambotscha-Laos Reiseführern).

Interessant finde ich dazu die Arbeit der Anthropologin Jana Binder, die sechs Leitsprüche des Rucksacktourimus‘ im 21. Jahrhundert identifziert und analysiert hat. Das Motiv „Go whereever you want“ unterstreicht das Ziel der Backpacker Grenzen überwinden zu wollen. So beschreibt Baron, dass, laut Binder, Backpacker „dank ihres meist priviligierten ökonomisch-kulturellen Hintergrunds die Möglichkeit haben, formal existierende Grenzen mehr oder weniger ungehindert zu überwinden. Das Überwinden von Grenzen bekommt dadurch eine positive Bedeutung. Dadurch bekommen Grenzen, Nationalismus und Routen eine ganz andere Bedeutung für diesen Alternativtourismus.“ Die Frage lautet dann: Wie kann man auf einer globalen Skala über Rassismus reden?

Es gab viele weitere Denkanstöße im Laufe des Tages:

  1. Inwiefern ähneln sich Diskriminierungserfahrungen von People of Color/ weißen Menschen und Westdeutschen/Ostdeutschen in Deutschland?
  2. Was ist der Unterschied zwischen Rassismus und Race?
  3. Kettenduldung in Frankreich und Deutschland
  4. Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Post-Holocaust und Post-Kolonialismus?

(3) MeToo-Demonstration Berlin

foto

(c) metoo berlin

Ende Oktober fand die #metoo Demonstration statt. Beim offenen Treffen wurden Organisation und Forderungen von #metoo berlin besprochen. Ich habe die Thematik Asia Fetisch thematisiert und war überrascht, dass ich mich nicht selbsterklären musste, sondern gutes Feedback bekam. Es hat Spaß gemacht mit extrem engagierten Frauen* zusammenzuarbeiten. Die Redebeiträge auf der Demo waren teilweise sehr intim, aber gleichzeitig von der Message/ Wut/ Enttäuschung universell. Die Forderungen haben wir gemeinsam verfasst und so fand der Begriff (deutsch)-asiatische Menschen sein Debüt in der linken Berliner Szene.

Alle FrauenLesbenTrans*Inter*Personen (FLTI*) sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Gleichzeitig variiert jedoch die konkrete Erfahrung. Diskriminierung aufgrund von geschlechtlicher Zuschreibung, Sexualität, rassistischer Zuschreibung, Religion, (Nicht-)Behinderung und sozialer Stellung überlagern sich auch in diesem Bereich. Das zeigt sich beispielsweise bei beHinderten Personen, denen häufig die Selbstbestimmung über ihre Sexualität abgesprochen wird. Im Falle sexualisierter Übergriffe ist es für sie daher besonders schwierig, Gehör und Unterstützung zu finden. Sexismus und Rassismus treffen zusammen wenn beispielsweise (deutsch-) asiatische FLTI*Personen in übersexualisierter Weise dargestellt werden. Oft wird ihnen dabei eine besondere Unterwürfigkeit unterstellt. Das geht gar nicht! Feminismus muss antirassistisch sein!

Oft werde ich mit der Frage konfrontiert, warum ich identitätspolitisch arbeite. Ich frage mich dann, wie ich sonst arbeiten soll. Mir ist bewusst, dass sich wahrscheinlich wenige Menschen mit dem Begriff „Deutsche Asiat_innen“ identifizieren oder sogar mit People of Color. Allerdings ist genau die Unsichtbarkeit bestimmter Gruppen ein Problem, wo ein Diskurs nur durch die Sichtbarmachung von z.B. Deutschen Asiat_innen/ asiatischen Deutschen, asiatisch gelesene Menschen etc. etc. angetrieben werden kann. Ich habe den Begriff Deutsch-Asiaten gewählt, weil dieser, wie „Deutsch-Türken“, bereits in den deutschen Medien vorkommt. Ich finde es nicht notwendig neue Termina zu erfinden, mir ist es nicht wichtig als „Deutsche“ gesehen zu werden, sondern als ein Mensch, der nicht wegen seines Aussehens exotisiert und verfremdet wird. Wir leben nicht in einer post- rassistischen Gesellschaft. Stattdessen möchte ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass kein Begriff einer ultimativen Beschreibung von komplexen Individuen gerecht werden kann.

(4) Track des Monats

Einfach mal . . . Nichts. Sein.

 

 

 

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