Das Milieu der Toten: Ein Kommentar

Vereinnahmung der Arbeit von schwarzen Menschen. Kommentar zur anschließenden Diskussion bei der Veranstaltung „Milieu der Toten. Teil 2: Leerstellen. Das Nachleben der Sklaverei und die Lücken der Archive.“

Link zum Programm: http://www.humboldtforum.com/de-DE/veranstaltungen/milieu-der-toten-teil-2-2/. Das Video wurde leider runtergenommen.

Anliegen war Folgendes (Ausschnitte aus meiner Rage-E-Mail):

Als ich gestern kurz eingeschaltet habe, fand ich die Aufmachung auch total „awkward“ und auch heute war ich erstaunt, dass weder Christina Sharpe noch Saidiya Hartman an der finalen Poduiumsdiskussion teilgenommen haben, sondern die Runde nur aus weißen KuratorInnen bestand.

Aus dem Publikum kam dann zurecht die Frage, warum Sharpe und Hartman überhaupt eingeladen wurden, wenn deren Werke eigentlich nur die Atmosphäre für den Diskurs über lückenhafte Archive und Kuration schaffen sollte. Dabei wurden die KuratorInnen eingeladen, um die Arbeit von Sharpe und Hartman zu kommentieren… Es wurde kritisiert, dass das Thema Museum und Kuration wenig mit dem (physischen) Leiden der versklavten Menschen zu tun hatte und die Arbeit von Sharpe und Hartman nur „konsumiert“ wurde. Deswegen konnte kein Diskurs auf Augenhöhe stattfinden. Das Leiden wurde auf die „Technologie der Kuration“ reduziert. Das eigentliche Problem sei jedoch das ‚Museum‘ als Instituion in Europa und ihre Strukturen. Goitseone Montsho fragt anschließend: Wann können weiße Menschen endlich introspektiv über Kolonialherrschaft in der deutschen/ westlichen Geschichte reden, ohne die Arbeit schwarzer Menschen zu vereinnahmen?

Auch Hartmann fand, dass sie wenig im Diskurs involviert war und lediglich als Argumentationspunkt für dieses Projekt eingeflogen wurde. Die Veranstalterin stimmte sogar indirekt zu, dass dieses Konzept sehr problematisch ist. Sie fand die Arbeit von Sharpe „einfach so fazinierend“ und wollte mit dieser Veranstaltung dieses Werk mit ihren KollegInnen teilen (?). Eine weitere weiße Frau im Publikum war dann wirklich der Höhepunkt dieser Diskussion… Ihr war unklar, warum denn so viele empört und überrascht seien. Das Thema Museen und Archive wurde doch in der EInladung und im Programm deutlich genannt. Sie verstehe die Empörung nicht und man solle es doch zu schätzen wissen, dass dieses Thema behandelt wird (wenn ich das so richtig verstanden habe. Jemand prustete danach nämlich direkt vor Ungläubigkeit los.) Am Ende gab es einen kurzen Beitrag zu Afropolitanismus und die dennoch bestehende Frage des (Nicht)Dazugehörens aus dem Publikum. Denn auch heutzutage sind schwarze Menschen an vielen Orten dieser Welt nicht willkommen, obwohl die afrikanische Diaspora weit verstreut ist.

Die KuratorInnen haben sich von dem Humboldt Forum distanziert. Clémentine Deliss wurde dann auch deutlich und meinte, dass das Humboldt Forum ein nationalistisches Projekt sei. Auch Friedrich von Bose hatte schon am Anfang der Podiumsdiskussion angemerkt, dass eigentlich Sharpe und Hartman im Mittelpunkt stehen sollten. Die Moderation war einfach total daneben. Ich begreife einfach nicht, wie ein hochfinanziertes Kultur-Projekt so wenig Tiefe und Selbstreflektion haben kann. Vorallem wenn der Slogan ist: „Wer die Welt verstehen will, geht ins Humboldt Forum.“

Kommentar

Mindestens zwei Probleme kann ich aus dieser Diskussion herausfiltern. Erstens wird „post“koloniales Denken nicht in die Praxis umgesetzt, sondern beschränkt sich wie so oft in der Theorie. Zweitens, die Gegenwart wird als „post“kolonial Gesehen, ein Abschnitt, in der Kolonialgeschichte Geschichte ist und mit einer gewissen Distanz behandelt werden kann. Aber das Leiden ist auch heute real.

Christina Sharpe schreibt in „In the Wake: On Blackness and Being“, dass es sich hierbei um ein „Verstrickung“ von Kolonialgeschichte und der gegenwärtigen Lebensrealität schwarzer Menschen (in der Diaspora) handelt. Postkoloniales Denken wird hier nicht in die Praxis umgesetzt, weil die Arbeit von Hartman und Sharpe als Argumentationsstütze für das Projekt „post-ethnologisches Museum“ benutzt wird, ohne auf die deutsche Kolonialgeschichte einzugehen. Stattdessen werden die Einzelheiten, die „Technologie“ der Kuration diskutiert. Problem ist aber, die Institution selbst und dessen Geschichte in Europa. So wurde die Arbeit (der Flug von Amerika nach Berlin, das Vorlesen des Buches, das Schreiben des Buches selbst) von Sharpe und Hartman für die eigene Argumentation vereinnahmt. Sharpe argumentiert, dass die Kolonialgeschichte und das Leiden der versklavten Menschen atemporal ist. Tatsächlich trägt das Humboldt Forum nur wenig zu einer kritischen Auseinandersetzung bei, sondern begrenzt sich auf einen ‚fröhlichen Multikulturalismus‘. Die jungle world schreibt:

In diesem mit nationalen und kolonialen Symbolen aufgeladenen Bau soll ein »einzigartiges Zentrum«, ein »Treffpunkt von Menschen aus aller Welt – unabhängig von Herkunft, Alter, Ausbildung, Interessen, Vorwissen oder Vorlieben« entstehen. Das Humboldt-Forum trage dazu bei, ein »aktuelles Verständnis unserer globalisierten Welt zu vermitteln«, und stehe für »ein respektvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben der Kulturen und Nationen«

(Quelle: https://jungle.world/artikel/2017/02/ein-museum-erklaert-die-welt)

Die Vereinnahmung von schwarzen Theorien, Introspektiven, Kulturen ist keine Seltenheit.  Die lange Geschichte (dennoch immer noch gegenwärtige Realität des) „Black Struggles“ und die lang umkämpfte Bewegung schwarzer Menschen gilt heute als Aushängeschild einer „gelungenden Emanzipation“. So findet man z.B. auf der SDS Jubiläumsparty (sozialistisch-demoratischer Studierendenverband) auf mehreren Anti-Ra Plakaten das Gesicht von Angela Davis, während es im Zelt selbst nur so von weißen Menschen wimmelt, die sich als anti-rassistisch kennzeichnen wollen.

Auch die aktuelle Debatte um #metoo entsprang einer schon seit 10 Jahren bestehenden Kampagne von Tarana Burke (siehe: https://www.nytimes.com/2017/10/20/us/me-too-movement-tarana-burke.html). Darüber hat man kaum etwas in den deutschen Nachrichten gehört.

Die Serie Fresh Off the Boat, die neuerdings auch im deutschen Fernsehen läuft, erzählt von einer Integrationsgeschichte einer taiwanesisch-amerikanischen Familie. Problematisch ist hier der Protagonist und älteste Sohn Eddie Huang, der sich mit der schwarzen Kultur überidentifiziert und so bei seinen weißen Freunden zunehmend an Beliebtheit gewinnt:

And so his entree into the mainstream came not through assimilation into white mainstream America, but through a side door: an embrace of black culture as a lingua franca of outsiderness. In the pilot, the young Eddie is rejected in the lunchroom until a blond boy sees his Biggie Smalls T-shirt and invites him over, prompting the one black child in the cafeteria to exclaim, “A white dude and an Asian dude bonding over a black dude — this cafeteria’s ridiculous!”

(Quelle: https://www.nytimes.com/2015/02/01/arts/television/fresh-off-the-boat-is-based-on-the-eddie-huang-memoir.html)

Die (East (!) ) Asian Community, die ohnehin schon als model minority gesehen wird, vergnügt sich hier mit der schwarzen HipHop – Kultur, die noch nicht vor allzu langer Zeit von der weißen Mehrheitsgesellschaft diskreditiert und „ghetto“ gesehen wird/wurde, um von den eigenen kulturellen, hier male asian Stereotypen, abzulenken: „I’m not a nerd but a thug.“

Auch auf diesem Blog benutzte ich teilweise Theorien von Frantz Fanon und Web Du Bois, um meine asiatischdeutschen Erfahrungen artikulieren zu können. Mir ist es wichtig diese Theorien nicht zu vereinnahmen und meine Privilegien als ostasiatisch gelesene Person nicht zusätzlich zu stärken.

Das Konzept einer „post“kolonialen Gesellschaft erübrigt sich hier (minimal) als Verarbeitung von vergangener Kolonialgeschichte und weniger als eine introspektive Auseinandersetzung mit dieser Geschichte der Sklaverei und dessen Auswirkungen auf unsere heutige Gesellschaft. Wir leben nicht in einer „postracial society“. „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ fallen hier zusammen und sind eng miteinander verwoben.  Die Ausstellung von „Zeugnissen der Geschichte der Menschheit“ als Museumskonzept ohne geschichtliche Auseinandersetzung ist hier obsolet.

Note/ Literatur für die Zukunft

Christina Sharpe: In the Wake: Making Post-Slavery Subject (2016) und Monstrous Intimacies: Making Post-Slavery Subjects (2009)

Saidiya Hartman: Lose your Mother (2006)

d14_Theo_Eshetu_Atlas_Fractured_©_Mathias_Voelzke

c) Mathias Völzke. Theo, Eshetu, „Atlas Fractures“. 2017, auf Banner projiziertes Digitalvideo. documenta 14. (http://www.documenta14.de/de/artists/13572/theo-eshetu)

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