Gastbeitrag #2: Identitätskrise Haare

Inhaltshinweis –

In diesem Text geht es unter anderem um Belästigung auf der Straße und rassifizierende_sexualisierende Beschimpfungen. 

 

Als asiatisch und weiblich markierte Person [1] habe ich immer viele Komplimente für meine glatten langen dunklen Haare bekommen. Ich bin dahingehend privilegiert, dass meine Haare ihren Platz im Weltbild weißer Schönheitsideale haben, sodass mir nicht ungefragt in die Haare gefasst wird, wie es vielen Schwarzen Schwestern* und Brüdern* passiert. Dass meine Haare aber dennoch politisch sind und ich, je nachdem wie meine Haare aussehen, auf unterschiedliche Art und Weise rassifiziert_sexualisert [2] werde, ist mir erst aufgefallen als ich meine Haare abrasiert habe.

Als Queere Person of Color werde ich seit meiner Geburt jeden einzelnen Tag in einer weißen-patriarchalen-cis-hetero Dominanzgesellschaft fremd-definiert. Ich habe diesen Blick der Dominanzgesellschaft, von der ich marginalisiert und zur Anderen gemacht werde, inzwischen so sehr internalisiert, dass ich mir mittlerweile zu jedem Zeitpunkt darüber bewusst bin wie ich aus dieser Dominanzposition in kolonialrassistische Kategorien gesteckt werde. Wie mein Körper von Blicken vereinnahmt wird, die mich exotisieren und fetischisieren. Eigentlich möchte ich nicht, dass meine Diskriminierungserfahrungen so sehr im Zentrum meiner Identität stehen. Ich möchte mich nicht immer nur in Relation zu meinem Unterdrücker sehen. Stattdessen möchte ich den Raum haben mir Gedanken über mich selbst zu machen, herauszufinden wer ich bin, unabhängig von Vorurteilen und Zuschreibungen in denen ich mich nicht wieder finde. Aber gleichzeitig weiß ich nicht, wo ich diesen Raum finden soll, in dem ich frei von diesen Strukturen sein kann.

Mir die Haare abzurasieren war ein Herantasten und Ausprobieren von Strategien mich von den Vorstellungen einer weißen-patriarchalen-cis-hetero Gesellschaft zu befreien. Meine millimeterkurzen Haare haben massiv Irritationen hervorgerufen, insbesondere bei denjenigen weißen cis-Männern in meinem Umfeld, die mich vorher in ihre Schublade asiatischer Klischees, exotischer orientalistischer Phantasien und demütiger asiatischer Frauen mit seidigen glatten langen dunklen Haaren gesteckt haben. Wo ich vorher rassifiziert_sexualisiert wurde, wurde ich nun gehasst. Männer haben mir direkt ins Gesicht gesagt, dass sie denken, dass ich mit abrasierten Haaren scheiße aussehe und dass ich sie wieder rauswachsen lassen soll. Sobald ich nicht mehr in ihr Schema eines Objekts sexuellen Begehrens gepasst habe, war ich menschlichen Respekts anscheinend nicht mehr würdig. Ich wurde noch nie so schlimm wie zu dieser Zeit auf der Straße von Männern beschimpft und mit Vergewaltigungs-„Witzen“ bedacht. Zu dem üblichen „Ni hao“ oder „Ey Sushi-Muschi, komm mal rüber“, das mir cis-Männer auf der Straße hinterherrufen sind nun Sprüche dazu gekommen wie „Ladyboy, was kostest du?“ und „Ich setz dir ne Perücke auf und dann siehst du gar nicht mehr so hässlich aus für ne Asia Hure“. Als Gegenpol dazu haben mir so viele Frauen* wie noch nie Komplimente gemacht, mir gesagt, wie schön, sie meine abrasierten Haare finden und dass sie selbst das eigentlich so gerne mal machen würden, aber sich niemals trauen würden. Kein Wunder, wenn mensch bedenkt, welche Konsequenzen und Einschränkung in der Bewegungsfreiheit abrasierte Haare haben können. …Und dann gab es auch noch die Personen, die geglaubt haben, dass ich Buddhistin sei – klar, eine asiatisch markierte Person mit abrasierten Haaren kann nichts anderes als Buddhistin sein – und haben mich ununterbrochen über Buddhismus und Spiritualität ausgefragt. Da hilft auch zehnmal sagen, dass ich keine Buddhistin bin nichts mehr. Das Schubladendenken ist zu festgefahren.

Auch wenn ich meine stoppelkurzen Haare sehr gerne mochte, war es mir irgendwann zu viel, sodass ich sie wieder rauswachsen lassen habe. Nach einer sehr langen Zeit mit furchtbaren Frisuren und seltsamen Zwischenlängen habe ich meine Haare blond gefärbt. Anlass für all diejenigen, die sich bei den abrasierten Haaren zurückgehalten haben, nun doch noch ihren Senf dazu zu geben. Der allgemeine Konsens war, dass Asiat*innen mit blonden Haaren seltsam sind und dass das etwas zum Lachen ist. Sogar mein Uni Prof meinte in der Position zu sein, mir zu sagen, dass Asiatinnen keine blonden Haare stehen und warum ich das alles denn überhaupt gemacht hätte mit dem Abschneiden und dem Färben. Bei der Arbeit waren meine Haare ständig Thema und sogar irgendwelche random Behördenmitarbeiter meinten mir zur Begrüßung sagen zu müssen, dass ihnen meine Haare nicht gefallen und dass ich mit solchen Haare ja niemals einen Job finden werde, da Asiatinnen mit blonden Haaren einfach nicht professionell aussehen würden.

Viele Monate und viele bunte Haarfarben später saß ich nun bei meiner Friseurin, die mich fragte, was ich denn plane in Zukunft mit meinen Haaren zu machen. Eine einfache Frage und trotzdem so schwer zu beantworten. In dem Moment hatte ich das Gefühl, dass meine ganze Identität von der Entscheidung abhängt, was ich mit meinen Haaren mache. In diese Entscheidung spielt so viel mit rein. Es geht nicht einfach nur darum, was ich gerade schön finde und worauf ich Lust habe, sondern auch darum wie viel ich belästigt werde, wieviel Energie ich habe, wieviel ich aushalten kann und welche Haarfarbe und welcher Haarschnitt wieviel Rassifizierung_Sexualisierung mit sich bringt.

Ich mag meine Naturhaarfarbe eigentlich gerne und möchte mein Aussehen so wie es ist wertschätzen, mehr lieben lernen und internalisierte Abneigung gegen meine eigene Herkunft ablegen. Gleichzeitig habe ich aber auch keine Lust in dieses kolonialrassistische Klischeebild unterwürfiger exotischer Asiatinnen zu passen, das von weißen cis-Männern auf mich projiziert wird, sobald ich wieder dunkle (und längere) Haare habe. Ist es nicht der richtige Weg von jahrelanger Sozialisierung als Frau wegzukommen, indem ich nicht mehr versuche weißen cis-Männern zu gefallen sondern von ihnen scheiße gefunden zu werden? Aber richte ich meine Handlungen, mein Aussehen, meine Person dann nicht doch wieder danach, was irgendwelche cis-Männer von mir denken? Wenn ich gefärbte Haare habe werde ich weniger wie eine neu-immigrierte Migrantin behandelt und genieße dadurch manchmal Privilegien, die ich mit dunklen Haaren nicht habe. Aber passe ich mich dann mit blonden Haaren nicht einer weißen Mehrheitsgesellschaft an? Whitewashe ich mich damit selber? Verleugne ich meine Herkunft?

Ich möchte, dass es mir egal ist, was andere Leute von mir denken, aber gleichzeitig kann ich auch nicht ignorieren, wie Rassifzierung_Sexualisierung mir weh tut, jeden einzelnen Tag. Was Leute von mir denken und wie sie mich Kategorisieren hat einen sehr realen Einfluss darauf wie mit mir umgegangen wird, was für Jobs ich bekomme, wo ich wohnen kann, wie ich von Ärzt*innen behandelt werde und ob ich verbal und/oder körperlich Angegriffen werde. Wie kann ich also diesen Raum für mich selbst finden, wo ich rausfinden kann wer ich bin, was mir gut tut und was ich für mich möchte, wenn dieses System der Unterdrückung so allgegenwärtig ist?

//

1 asiatisch markiert weist darauf hin, dass hinter dem geographischen Asien multiple Communities, Kulturen, Identitäten und Länder stecken, aber, dass in Deutschland die Vorstellung von Asien meistens auf Ost- und Südostasien beschränkt ist. Wenn Menschen in Deutschland als „asiatisch“ fremdbestimmt werden, sind damit tendenziell nur Menschen mit Ost- und Südostasiatischem Hintergrund gemeint, während andere Communities, Länder, Kulturen und Identitäten marignalisiert werden und die Identifizierung als „asiatisch“ abgesprochen wird. Ebenso bedeutet weiblich markiert eine Fremdbestimmung in Bezug auf Gender. Personen, die sich nicht unbedingt als weiblich identifizieren, aber von der Dominanzgesellschaft so eingeordnet und misgendert werden, werden von dieser als weiblich markiert.

2 rassifiziert_sexualisiert bedeutet, dass Menschen aus einer Dominanzposition heraus, in bestimmte Kategorien von ‚Race‘, Gender und Sexualität eingeordnet werden. Der Fokus liegt hierbei nicht auf selbstbestimmte Identitäten, sondern den Prozess der gewaltvollen Kategorisierung. Rassifizierung_sexualisierung wird hier mit einem Unterstrich verbunden um die Verflechtung beider Begriffe intersektional aufzugreifen.


Über die Autorin*

Sina* identifiziert sich als Queere Person of Color, als Asiatische-Deutsche. Sie beschäftigt sich mit den Themenfeldern (Post)Kolonialismus, Anti-Rassismus, Queer-Feminismus, Mental Health und Empowerment.


Weiterführende Leseempfehlung:

Colored Streaks on Asian Women: The Damaging Trope

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s