„du bist nicht radikal genug!“

Überidentifikation, Solidarität und viele, viele Fragezeichen

img_0175.jpgimmer unter strom. darf ich auch mal sitzen?

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Politische Arbeit macht mich __________ .

müde/ einsam/ stark/ verrückt/ glücklich/ kaputt/

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Vor einigen Monaten war ich bei der Video-Performance Love Bomb von Terre  Thaemlitz. Terre Thaemlitz arbeitet übermäßig mit Wiederholungen. Wie ein Mantra werden Klänge, Bilder und Wörter – oft bis zu Stunden – wiederholt. Bis es nervt, bis es langweilig wird, bis es seine Bedeutung verliert, bis sich seine Bedeutung multipliziert. „F*ggot Bucket, F*ggot Bucket, F*ggot Bucket“; schwarze Menschen, die gelyncht werden, immer und immer wieder, ein weißer amerikanischer Soldat, der sich an einer vietnamesischen Frau im Dschungel vergnügt. Stöhnen. Ne Comicfigur fällt um, setzt sich zurück, fällt um, setzt sich zurück, fällt um. Schwarzes Flimmern. Peng!

Viele Menschen verließen den Raum kopfschüttelnd, waren empört, wollten ihr Geld zurück. Der Saal leerte sich, während ich gebannt auf die Leinwand starrte, nicht wissend, warum ich eine seltsame Befreiung in den brutalen Wiederholungen verspürte und dann packte es mich: Die Videoperformance simulierte meine eigene nahezu unendliche Erschöpfung, die ich empfand, wenn ich zum xten mal exotisiert werde, wenn ich mich in der Stadt bewege und eigentlich schon nervös auf den nächsten rassistischen Spruch warte, wenn ich zum xten Mal auf Ignoranz stoße oder Mikroaggressionen mir mal wieder den Tag vermiesen. Wenn ich auf einer empowernden Demo war und Seehofer am nächsten Tag dann doch wieder irgendeinen Scheiß dropt. Es wiederholt sich alles. Ich bin müde. Wo ist der Ausgang?!

Sonnenallee. Wir sitzen vor Azzam, ich erzähle dir von der Performance und stelle dir, halb im Scherz, halb frustriert genau diese Frage: wo ist der Ausgang?

Du lachst und sagst, es gäbe keinen. „Ignorante weiße Dudes sind überall man, denen kann man nicht aus dem Weg gehen.  Zum Beispiel der eine aus meinem Kurs, ja, ’n richtiger Vollidiot, der hat so null Berührungspunkte mit Rassismus und Unterdrückung und findet sich trotzdem richtig geil, wenn er die auswendiggelernten Termini in den Diskussionen raushaut. Zuhause hängt er dann wieder nur mit seinen weißen Freunden ab und unterhält sich über Fußball und shit. Dann gönnt er sich eine Scheibe teures Roggenbrot mit der selbstgemachten Marmelade seiner Mama.“

Ich nehm einen Schluck von meinem ein Euro Bier und werd eigentlich besonders vom letzten Satz getriggert… „Ja, ich kenn das total, wenn weiße Menschen mit solchen Begriffen um sich schmeißen, Anerkennung bekommen – vor allem von den Dozierenden – und als eloquent und woke gesehen werden, während wir…oder mir manchmal aus Wut einfach die Wörter im Hals stecken bleiben und am Ende nur pathetischer Mist rauskommt. Aber trotzdem hab ich nicht mehr so Bock auf dieses Feindbild „weißer Mann, weiße Menschen“, weil es uns überhaupt nicht weiterbringt. Identitätspolitik ist total wichtig und hat mir dabei geholfen erst mal klar zu kommen und mich zu empowern. Ich find aber.., es bringt uns nicht weiter, wenn wir auf dieser identitätpolitischen Ebene verharren. Es geht doch darum irgendwie gemeinsam eine bessere Gesellschaft aufzubauen, oder?“

Ich nehme einen Biss von meinem Halloumibrot und merke in der Dunkelheit nicht wie mir die Erdnusssoße meine Hose versaut. Mit einem verklärten Blick  kippst du dir den letzten Schluck Spätiwein runter und sagst: „diese Wut ist aber berechtigt, weiße Menschen sind halt krass ignorant und ich hab keine Lust mehr mit denen zu hängen.“ Ich konnte nachvollziehen, was du damit meinst, dachte an die endlos vielen Stories meiner Freund*innen und auch an meine eigenen. Trotzdem macht es mich irgendwie kaputt und müde mich von dieser Wut vereinnahmen zu lassen und mich auf grobe Verallgemeinerungen einzulassen.

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Ich sitz in der Ringbahn. Mein weißes Shirt klebt an meinem Körper und dann rufst du mich an. „Ey hier ist mal wieder was richtig bescheuertes passiert, ich brauch mal deine Perspektive dazu als poc….“ Irgendwie begann ich abzuschalten, musterte nur den blauen Himmel und dann meine Reflektion im Fenster bevor sich ein weißer Typ vor mich setzt. Er fängt an mich mit seinen Blicken  zu durchbohren und dann denk ich plötzlich: Gerad sah ich noch mich in meiner Reflektion und jetzt seh ich mich durch die Augen eines fremden Mannes und alles was er sieht und alles was von mir übrig bleibt ist genau das: ne Asiatin, ne Asiatin, ne Asiatin. Durchs Telefon redest du weiter, allmählich genervt, weil keine Antwort kommt: „…so, was würdest du denn jetzt als PoC dazu sagen? Ist richtig kacke oder?“ Genervt von dieser eingeschränkten Bezeichnung meiner Person antworte ich platt: „Ich weiß, wir kennen uns noch nicht so lange, aber ich bin mehr als eine PoC, wenn es dir noch nicht aufgefallen ist…“ Drei, vier Sekunden Stille. „Ich dachte dich würde sowas aufregen oder du würdest wenigstens Solidarität zeigen. Dachte echt ich hätte ne Mitstreiterin gefunden. Hab dich bisschen radikaler eingeschätzt…ist wohl nicht so. Ciao.“

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Erstgespräch beim Therapeuten. An der Türklinke hängt ein Kalender mit chinesischen Zeichen mit Landschaft in Wasserfarben. „Meinen sie nicht es liegt in Ihrer Natur, dass Sie ihre Gefühle nicht offen zeigen können, lieber nett lächeln und deswegen alles unterdrücken. Ich mein Ihre Kultur – Ah! Sie schauen auf den Kalender, können Sie das lesen?“ „Ist das Japanisch (frag ich halbironisch-)?“ „Kann sein…“ „Meine Eltern kommen aus Vietnam.“ „Ach ja…natürlich!“

Ach ja…natürlich! natürlich natürlich…!

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Politische Arbeit zu machen heißt nicht nur eine bestimmte Meinung zu vertreten und nach ihr zu handeln, sondern auch sich auf eine ständige Selbstverhandlung einzulassen. Wenn man immer die gleichen wutentbrannten Gespräche führt, nur in seiner sozialen und meist auch politischen Bubble abhängt, weil es dort am gemütlichsten ist und sich mit einer starren politischen Identität zufrieden gibt, wird der strategische Essentialismus einem doch zum Verhängnis und irgendwann dreht man sich im Kreis. Aber vorallem habe ich gemerkt, dass man die Komplexität seiner eigenen Person vergisst, die Tatsache, dass man selbst ein wandelnes Archiv ist (also unendlich viele Geschichten in sich trägt, die einen besonders machen) und man zwar bestimmte Erfahrungen mit anderen Leuten teilt, aber  dennoch total verschieden ist. Die zwischenmenschliche Beziehung auf gemeinsame, meist schlechte (rassistische) Erfahrungen zu reduzieren, empfinde ich als kontraproduktiv und nervig, weil man die selben Praktiken perpetuiert, denen man eigentlich entfliehen möchte: rigides Schubladendenken. Magst du mich, weil ich PoC bin oder weil ich ich bin? Wenn ich dich nicht mag, bin ich dann nicht solidarisch gegenüber meiner eigenen (PoC) Community? Communities?

Eine Gruppe zu finden, in der man sich wohlfühlt, ist empowernt und hilft sich überhaupt erst mal >menschlich< zu fühlen, wenn man in der weißen Mehrheitsgesellschaft nicht als menschlich gesehen wird, sondern einer ständigen Stereotypisierung, Dämonisierung, Kriminalisierung, Verniedlichung, Fetischisierung usw. unterliegt. Natürlich ist DAMN dafür da sich mit Leuten mit asiatischer Herkunft auszutauschen, die ähnliche rassistische Erfahrungen gemacht haben und vorallem den Drang haben was dagegen zu machen. DAMN ist aber auch dazu da, um zu sehen und zu zeigen wie unglaublich divers >Deutsche Asiat*innen< sind und Fremdzuschreibungen, die man mit „Asiatisch-sein“ verbindet und womöglich auch internalisiert hat, total unzulänglich sind. Und vorallem ist DAMN dazu da, um gemeinsam auf die Straße zu gehen und zu protestieren, uns und unsere issues in der Stadt wortwörtlich sichtbar zu machen — nicht nur im Internet.

Und außerdem: was heißt es heutzutage -radikal- zu sein?

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Ein Kommentar zu „„du bist nicht radikal genug!“

  1. Sehr schöner, inspirierender Eintrag. Wie verhält sich die Toleranz der Intoleranz gegenüber? Ich kenne es Asiat*innen zu treffen, welche einfach nur andere Asiat*innen als Freunde suchen. Ich finde Intoleranz sehr frustrierend. Identität ist ein kompliziertes Phänomenon mit großem potential problematisch zu werden. Identität heißt identifizieren. Identifiziere ich mich mit einem kleinem Teil meines selbst, oder meiner Umgebung, Kleidung etc. reduziere ich mich automatisch auf diesen Aspekt. Je weiter meine Identität definiert ist, desto umfassender kann ich auch akzeptieren.
    Meine ideale und vielleicht auch radikalste Vorstellung von Identität wäre mich mit allem zu identifizieren, oder es wenigstens zu versuchen. So kann ich mich auch denen öffnen die mich in Schubladen stecken, ohne mich durch Angst oder Wut weiter abzugrenzen, weil ich weiß und akzeptiere dass ich aus Ignoranz getrieben auch andere in Schubladen stecke oder gesteckt habe oder vielleicht mal stecken werde. Nur wenn man sich denen öffnet die einen nicht verstehen, gibt man ihnen und sich selbst die Chance verstehen zu lernen. Das ist vielleicht mein etwas idealistischer Ansatz für radikale Akzeptanz.

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